Die politische Diffamierung und Verfolgung des DDR-Sports wird fortgesetzt: "Dopingopfer und ihre Entschädigung

Günter Erbach

 

Vor wenigen Tagen ist sehr offiziell eine neue Phase der politischen Diffamierung des DDR-Sports eingeleitet worden. Der Deutsche Bundestag hat es am 31. Mai für nötig befunden, über so genannte "Dopingopfer und ihre Entschädigung" zu diskutieren, wohlgemerkt des DDR-Sports, denn dass es auch nach dieser Lesart "Dopingopfer" der alten und neuen deutschen Bundesrepublik nötig hätten, beachtet und bedacht zu werden, wurde von den Antragstellern der CDU/CSU-Fraktion wissentlich übergangen.

Diese Dopingopferdiskussion erfolgt jetzt, im Jahre 2001,
- obwohl es schon seit den sechziger Jahren nach Eingeständnissen von Sportmedizinern und Sportsoziologen in der Bundesrepublik bekannt gewesen ist, dass die Nutzung bestimmter Pharmaka zu Schädigungen führen kann,
- obwohl der Gebrauch von Anabolika in der Bundesrepublik schon "flächendeckende Ausmaße" (nach Singler/Treutlein) angenommen hatte, - obwohl sich der Sportausschuss des Bundestages schon 1977 mit den schädigenden Auswirkungen des Anabolikadopings beschäftigt hat, ohne eine Fürsorgepflicht zu bedenken,’
- obwohl zunehmend mehr Schädigungen  bekannt geworden sein sollen und 1987 der Tod der Leichtathletin Birgit Dressel, damals 26 Jahre jung, infolge Dopingmissbrauchs die Öffentlichkeit heftig aufgerüttelt und bewegt hat.

Weder eine Partei noch Abgeordnete haben jemals in diesen Jahren die Frage von Dopingopfer-Entschädigungen infolge Körperverletzungen durch Dopingmissbrauch  aufgeworfen.
Man lebte mit den Signalen und Beispielen und fühlte keinen Handlungsbedarf, ging es doch auch hier im Hintergrund um die Reputation im internationalen sportlichen Wettbewerb, die 1977 schon von  Wolfgang Schäuble angemahnt worden war.

Wenn es um Entschädigungen für Opfer im Sport geht, kann in diesem Zusammenhang nicht der wiederholte Antrag der Angehörigen von elf Sportlern Israels übersehen werden, die 1972 in München Opfer des palästinensischen Freischälerattentats im Olympischen Dorf geworden sind und deren Tod - nach überwiegender Ansicht von Insidern und der Öffentlichkeit - zuallererst auf den dilettantischen Einsatz der bayrischen Polizei zurückzuführen war.

Letztmalig im November 2000 hat das Oberlandesgericht München eine Entschädigung abgelehnt. Der Staat habe nicht gegen die "hoheitliche Pflicht der  Gefahrenabwendung" verstoßen, hieß es sehr verbindlich. "Kein Geld für Angehörige von Olympia-Opfern" überschrieb die Berliner Zeitung ihren Bericht. (29./30. Januar 2000)

Ganz anders will man nun verfahren, wenn es um so genannte "Dopingopfer" des DDR-Sports geht. Es gehört zum Stil der Einheitspolitiker: Geht es um die Diffamierung der DDR, dann gibt es keine hoheitlichen Rücksichtnahmen, sondern ein durchdachtes Opfer-Szenario bis zum Bundestag.

Es begann mit der Bildung eines privaten "Doping-Opfer-Hilfe-"Vereins e.V., der am 19. Mai 1999 in Leipzig mit Hilfe einer Redaktion des MDR vorgestellt wurde, und führte über Initiativen von selbsternannten Heidelberger Dopingjägern (Prof. W. Franke und Anwalt Dr. M. Lehner) über Aktivitäten von ausgesuchten "Dopingopfern", die als Nebenklägerinnen im Ewald-Höppner-Prozess von Rechtsanwalt Michael Lehner, Heidelberg, genauso intensiv und kostenaufwendig betreut wurden, wie er es andersherum bei Dieter Baumanns Zahnpastadoping getan hat, und führte mit Hilfe bestimmter Medien und der CDU/CSU-Fraktion bis zum Bundestag.

Zuvor war eine Petition an Bundestagspräsident W. Thierse verfasst worden, die aber lediglich von neun Akteuren unterschrieben worden ist, die sich als  "Dopingopfer" verstehen, obwohl zuvor noch 22 Nebenklägerinnen registriert worden waren. Sie forderten von Thierse die Zustimmung zu einer medizinischen Untersuchung und eine monatliche Rente, "um die  ständig höheren Lebenskosten relativ" ausgleichen zu können.

Während sich Sprecher der etablierten Parteien vorerst dazu bedeckt hielten, hat der Stellvertretende PDS-Vorsitzende Peter Porsch sehr schnell und forsch  erklärt: "Menschen, denen über den Sport Missbrauch widerfahren ist für Dinge, die außerhalb des Sports lagen, müssen dafür entschädigt werden." (Zitat nach Berliner Zeitung vom 9. Mai 2001)

Nun kann man über den Sinn dieser Worte denken wie man will. Ich meine, sie zeugen weder von fachlicher Übersicht noch von politischer Klugheit.

In der Nachtsitzung des Bundestages am 31. Mai wurde bei Anwesenheit von 21 Abgeordneten von 669 der CDU/CSU-Antrag nach Einrichtung eines Fonds für so genannte Dopingopfer der DDR behandelt, der schließlich nach 40 Minuten Diskussionszeit an sechs Bundestagsausschüsse überwiesen wurde, um dann im Herbst in 2. Lesung behandelt zu werden.

Während die SPD-Fraktion den Antrag mehr aus formalen Gründen ablehnte und richtigerweise darauf verwiesen hat, dass "die medizinischen Fragen noch nicht  hinreichend geklärt seien" und außerdem die Bundesregierung die Kosten nicht allein tragen könne, auch der organisierte Sport und die Pharmaindustrie müssten herangezogen werden, haben die Redner von FDP, Bündnis 90/Die Grünen und natürlich der CDU/CSU die Tribüne benutzt, um ihre altbekannten Verleumdungsarien gegen die DDR und ihren Leistungssport zu wiederholen.

Kinkel, FDP, erneuerte seine Unrechtsstaatsthese, will aber die Medaillen der DDR-Athleten für die Bundesrepublik gelobt wissen, und Riegert als Antragsteller  der CDU/CSU erklärte u. a.: Der Mensch sei in der DDR "Mittel zum Zweck gewesen", deshalb seien junge Sportlerinnen und Sportler mit "Dopingmitteln vollgepumpt worden", und so seien "schlimme  physische und psychische Schäden der Betroffenen" entstanden.

In diesem Stil und angefüllt mit Unwahrheiten, Verdächtigungen und Lügen soll das Klima für Mitleid gegenüber "Opfern" und Hass gegenüber dem  DDR-Erbe entstehen.

Namens der PDS hat MdB Gustav Adolf Schur in seinem eingereichten Beitrag den mahnenden Satz vermittelt: "Wenn gegen Doping und Dopingmissbrauch zu kämpfen ist, dann deutschlandweit", womit er zum Antrag keine Zustimmung gab.

Daran ist aber auch künftig zu zweifeln, denn bei dieser parlamentarischen Initiative geht es nicht um Gesundheit von Betroffenen und um bessere  Sozialleistungen, die hätte man ihnen bei Bedürftigkeit längst gewähren können, sondern um neue Hasstiraden gegen den DDR-Sport, die sich besonders auch in dem von merkwürdigen Widersprüchen und mystischen  Andeutungen durchzogenen Buch von Ines Geipel "Verlorene Spiele" wiederfinden, das als propagandistische Streitschrift dazu verbreitet wird.

Da in den hier geschilderten Vorgängen der Bundestagsdebatte als auch in Medien erneut mit Hilfe von Verdächtigungen, Lügen und Verurteilungen eine Sachverhaltsverfälschung (wie es Erich Buchholz beschrieben hat) im Sinne der Umdeutung von Fakten zum Zwecke politischer Diffamierung erfolgt, möchte ich auf einige sporthistorische Zusammenhänge und Sachverhalte  aufmerksam machen, die bei einer objektiven Bewertung des Ganzen m. E. nicht übersehen werden dürfen.

1) Doping im Allgemeinen und Anabolikanutzung im Besonderen sind im internationalen Leistungssport und im Leistungssport der Bundesrepublik seit Anfang der sechziger Jahre - also lange vor einer Anwendung auch im DDR-Sport - verbreitet gewesen. Das ist dokumentarisch belegt und vielfach beschrieben worden. In Vorbereitung auf München 1972 hatte das bereits in "bestimmten Disziplinen flächendeckende Ausmaße angenommen". Dieses Eingeständnis wurde erst kürzlich gemacht. (Singer/Treutlein: Doping im Spitzensport, Aachen 2000, S. 190)

Obwohl sich der Sportausschuss des Bundestages mehrmals mit dem Phänomen von Leistungssteigerungen durch Pharmaka, auch durch Anabolika (seit 1976 auf der  Verbotsliste des IOC), beschäftigt hat (u. a. 1977) und Körperverletzungen und Todesfälle (Berufsboxer Jupp Elze 1968, Leichtathletin Birgit Dressel 1987) aufgetreten waren, gab es keine Diskussionen über soziale  Maßnahmen oder gar Entschädigungen.

Zur Lage im Hochleistungssport dieser Jahrzehnte ist zu sagen, dass die Trainingsbelastungen, die Beanspruchungen des Knochen-, Sehnen- und Bänderapparates  außerordentlich zugenommen hatten. Der Vorstoß im Trainingsumfang zu körperlichen Grenzbelastungen hat das Risiko von Fehlbelastungen und auch von Schäden erhöht. Die Fragen der Wiederherstellung körperlicher Bedingungen für weitere Belastungsschübe spielten eine große Rolle. Ohne umfassende sportmedizinische Betreuung und Kontrolle ging und geht im Hochleistungssport nichts mehr.

Dass die übergroße Zahl der Athleten diese Belastungen in komplexer Form gut bewältigt und bedeutende Leistungen vollbracht haben (und weiter vollbringen), spricht für die Sinnhaftigkeit des Leistungssports. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass nicht wenige Sportlerinnen und Sportler aufgrund konkreter Situationen (Körperbaumerkmalen, Belastungsverträglichkeit, aber auch Willensqualität, Motivation usw.) ihre sportliche Laufbahn aufgeben mussten. Jeder Fall ist selbstverständlich sehr individuell zu bewerten.

Dazu kamen im Komplex aller Belastungs- und Wiederherstellungsmaßnahmen von und nach Training und Wettkämpfen auch Formen des Dopings, die den internationalen  Leistungssport weltweit begleitet haben und immer und überall in verdeckter Weise erfolgten, also intern und in der Regel nur wissend für die Personen, die es betraf. Dadurch wurden bestimmten Mitteln auch  übertriebene Wirkungen zugeschrieben.

Das alles hat den Lebensweg vieler Sportlerinnen und Sportler begleitet.

Zum Hochleistungssport - und nicht nur dort - gehört es, dass die Zahl der Sieger geringer ist als die der Platzierten oder gar der Verlierer und erst recht  derjenigen, die auf der langen Strecke zum Erfolg müde werden oder aufgeben müssen.

Häufig sind dabei Träume zerstört und Lebenswege verändert worden, die anders gedacht waren. Auch gesundheitliche Konflikte haben in nicht wenig Fällen schmerzliche Nachwirkungen mit sich gebracht. Persönliche Enttäuschungen kamen hinzu. Manches wurde dem Sport angelastet und führte auch hier und dort zu einer Umkehrung des persönlichen Verhältnisses zum  Leistungssport.

Unter Sportlern gibt es dafür immer Mitgefühl, Verständnis und auch Zuspruch für neue andere Wege der menschlichen Bewährung. Und es versteht sich, dass  solche Sportlerinnen und Sportler die Fürsorge der Gesellschaft spüren und erhalten müssen. Gerade das war in der DDR grundsätzlich gewährleistet.

2) Ausgehend von den Entwicklungstendenzen des Leistungssports, den Dimensionen des Leistungsregimes und den Erfahrungen wurden im DDR-Leistungssport alle Sportlerinnen und Sportler der verschiedenen Leistungsgruppen mit immer besserer Intensität nach dem Hausarztprinzip medizinisch und sportmedizinisch betreut. Über Jahrzehnte wurde ein leistungsfähiges System sportmedizinischer Betreuung und Kontrolle aufgebaut, das von internationalen Fachexperten als beispielgebend bewertet wurde.

Obwohl im DDR-Leistungssport die immer bessere Beherrschung des Trainings und der Wettkampfvorbereitung, die Analyse der Wirksamkeit des Trainings immer der Hauptweg und die Quelle der Erfolge bei Wettkämpfen war, hat die Verbreitung von bestimmten Pharmaka - wie wir heute aufgrund von vielfachen, allerdings auch widerspruchsvollen und häufig sehr subjektiven  Aufzeichnungen wissen -, die als Dopingmittel auf der IOC-Liste standen, auch um den DDR-Leistungssport keinen Bogen gemacht.

Sie wurden nach Kenntnisnahme ihrer internationalen Verbreitung zunächst sporadisch und ab 1975 unter direkter ärztlicher Kontrolle als Mittel der Chancengleichheit im Training, zur schnelleren Wiederherstellung nach entsprechenden Dosierungsvorschriften genutzt. Wie überall in der Welt waren darüber nur diejenigen informiert, die direkt damit befasst waren.

Hier geht es mir darum, diesen Tatbestand im Zusammenhang mit unserer Thematik festzustellen, nicht darum, die Sinnhaftigkeit zu diskutieren, denn bekanntlich wird heute sowieso alles anders bewertet, als es zu den Zeiten des Kalten Krieges in der Systemauseinandersetzung auch im Sport für erforderlich gehalten und üblich war.
(Sollten hier Entschuldigungen erwartet  werden, so ist zu sagen, dass sie bekanntlich historische Tatsachen nicht außer Kraft zu setzen vermögen. Sie sind eher ein Zeichen von Unterwerfung und Ohnmacht gegenüber dem Zeitgeist und seiner Macht.)

Heute ist jeder selbstverständlich auch öffentlich gegen Doping, obwohl die Praxis einschließlich Deutschland zeigt, dass die Probleme inhaltlich als auch in  der Kontrolle weiterhin nicht beherrscht werden.

Das sportmedizinische Betreuungssystem der DDR schloss das Erfordernis ein, jeden Fall auftretender Leistungsminderung, ganz gleich, welche Ursachen maßgebend  waren, zu erfassen und zu untersuchen sowie die entsprechenden Heilungs- oder andere Maßnahmen abzuleiten.

So bestand beim Direktor des Sportmedizinischen Dienstes eine spezielle Kommission, zusammengesetzt mit Fachspezialisten verschiedener medizinischer Disziplinen, die alle Grenzfälle von Gesundheitsschädigungen bis hin zu Invalidisierungen nach Sportverletzungen prüfte und Entscheidungen fällen konnte, die z. B. auch von der Staatlichen Versicherung anerkannt  wurden.

Trotz der immer besseren Wirksamkeit des Gesamtsystems der sportmedizinischen Betreuung und der allgemeinen Fürsorge war es dennoch nicht auszuschließen, dass Fehlbelastungen, Störungen und Verletzungen auftraten, die in jedem Falle eine individuelle Bewertung und Behandlung erforderten. Natürlich erfolgte das auch bei erkennbaren Schäden durch eventuelle medikamentöse  Behandlung. Ob das immer mit einer ausreichenden persönlichen Zufriedenheit einherging, kann jetzt nach dem mehr als zehn Jahre andauernden Wegfall aller sozialen und medizinisch-sportmedizinischen Betreuungsysteme  und der oftmals sehr veränderten Lebens- und Berufswege und sonstiger Belastungen ehemaliger Sportlerinnen und Sportler nicht mehr mit hinreichender Sicherheit gesagt werden. Wer das heute nicht beachten will, dem ist nicht zu helfen.

3) Bekanntlich war es in der DDR üblich und weit verbreitet, bei auftretenden persönlichen Konflikten Eingaben an leitende Persönlichkeiten oder an Organe der Partei, Massenorganisationen und des Staates zu richten. Jeder Leiter war verpflichtet, die Eingaben gründlich zu prüfen, zu bearbeiten und zu beantworten.

Ich kann hier feststellen, dass bis zur Auflösung des DDR-Sportsystems im Staatssekretariat für Körperkultur und Sport als dem zuständigen Regierungsorgan - einschließlich der Sportmedizin - über all die Jahre keine einzige Eingabe über so genannte Dopingerkrankungen oder Nachwirkungen davon erfolgt ist. Das geschah auch nicht bei übergeordneten Organen des Ministerrates oder des Staatsrates oder des ZK der SED, denn sie wären zur fachlichen Bewertung an den Staatssekretär übergeben worden.

Beschwerden infolge Pharmakamissbrauchs hat es nicht gegeben, sie wären aufgrund des umfassenden Betreuungs- und Nachsorgesystems aufgedeckt worden.

Erst 1996 kommt es infolge der Fragebogenaktionen der ZERV und nach - wie bestätigt wurde - persönlichen Aufforderungen zu Meldungen über Vorgänge, die mehr als 10 bis 15 Jahre zurückliegen.

4) Heutzutage im Sinne einer Kampagne von Dopingopfern zu sprechen oder sie nachträglich zu erfinden, gehört offensichtlich zu geschichtsfälschenden Absichten bestimmter politischer Kräfte. Jeder Begriff dieser Art, soll er ernst genommen werden, verlangt selbstverständlich eine genaue Definition, besonders wenn er in Rechtsverfahren oder auch parlamentarisch gebraucht wird.

Was sind Dopingopfer? Sind das alle Sportlerinnen und Sportler, die jemals in ihrer sportlichen Laufbahn mit Substanzen oder Verfahren (z. B. Blutdoping) in Berührung gekommen sind, die auf der IOC-Liste als verboten für Zwecke der sportlichen Leistungssteigerung standen?

Sicher meint man diese wohl nicht, sondern diejenigen, die Folgen oder Spätfolgen bemerkten, die ärztlich als solche auf ihren Ursprung hin einzuschätzen wären.

Ohne genaue ärztliche Anamnese und Untersuchung und auch einer pharmakologischen Analyse ist aber eine Bestimmung des aufgetretenen Schadens nicht  vorzunehmen, und das schließt natürlich auch die Lebensgestaltung nach Beendigung der sportlichen Laufbahn ein.

Oder will man der laienhaften Vorstellung folgen, dass man durch die irgendwie und -wann erfolgte Einnahme kleiner "blauer Pillen" bereits zum "Dopingopfer" prädestiniert sei?

5) In diesem Zusammenhang muss auch an die Tatsache erinnert werden, dass in dem 1998 durchgeführten Doping-Pilotprozess gegen Trainer und Ärzte des SC Dynamo Berlin auf Anordnung von Richter Bräutigam elf Schwimmerinnen von dem Internisten Prof. H. Lübbert und seinem Team untersucht wurden und er zugleich mit dem Pharmakologen Prof. Dr. N. Rietbrock ein Gutachten fertigte.

Es wurden keine gravierenden gesundheitlichen Schädigungen festgestellt, vor allem nicht solche, die mit hinreichender Sicherheit auf die Einnahme anaboler Substanzen zurückzuführen wären. Da Richter Bräutigam das Gutachten bei der Urteilsfindung nach Ansicht von Prof. Rietbrock in entscheidenden Passagen falsch ausgelegt hat, schrieb dieser ihm am 23.12.1998 einen mehr als deutlichen Brief. Darin stellte er fest, dass er "den Eingriff in den weiblichen Organismus durch Androgenen in diesen Fällen als unerhebliche Gesundheitsschädigung ansehe", ... "zudem blieb die mögliche Gesundheitsschädigung damals ohne weitere Spätfolgen..."

Prof. Rietbrock beruft sich nicht von ungefähr auf seine fast zwanzigjährigen Erfahrungen als Mitglied der Zulassungskommission beim Bundesamt für  Arzneimittel (BfArM).

Liest man dieser Tage die von Ines Geipel (in ihrem Buch: Verlorene Spiele) medienweit propagierten Schilderungen über "Dopingopfer", so schmerzvoll  die ausgewählten persönlichen Lebensstationen auch anmuten, so bemerkt man zugleich die sehr hasserfüllte Sprache in der Ablehnung des DDR-Leistungssports aufgrund ausbleibender Erfolge und auch persönlicher Befindlichkeiten.

Zur Wahrheit gehören aber auch die Namen von Tausenden erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern, deren Lebenswege anders verlaufen sind und die sich offensichtlich nicht als Opfer des Sports fühlen, obwohl sicher dieser oder jene auch mit gesundheitlichen Problemen infolge jahrelanger einseitiger Belastungen oder auch schon altersbedingten Anfälligkeiten zu tun  hat. (Siehe Volker Kluge: Das große Lexikon der DDR-Sportler, 2000)

6) Die Betrachtung der historischen Sachverhalte und Umstände bei den Bemühungen um die Reinwaschung des bundesdeutschen Sports durch die Kommissionen des Deutschen Sportbundes 1991 mit ihrer Stoßrichtung gegen den DDR-Sport sowie der Praxis der letzten zehn Jahre mit den Prozessen einerseits und den Dopingfällen andererseits ergibt, dass diese erneut einseitige Kampagne mit Dopingopfern als ein weiterer Beweis dafür gelten kann, welches Verhältnis zum DDR-Sport tatsächlich besteht.

Jetzt erfolgt das mit höchstem parlamentarischen Segen zu einem Zeitpunkt nach dem nicht gerade zufriedenstellenden Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Sydney. Angesichts der krisenhaften Lage in vielen Sportbereichen sind ja viele Fachleute zur Meinung gelangt, dass nunmehr das Erbe des DDR-Sports aufgebraucht sei und letzte Reste erhalten bzw. wiederbelebt werden müssten.

Wer daran glaubt, in relativ kurzer Zeit spürbare Verbesserungen im System des Leistungssports der Bundesrepublik erreichen zu können - wie es die in der sozialistischen Tageszeitung "Neues Deutschland" (ND) bereits seit Oktober 2000 initiierte Hilfsaktion beweist -, ist bald davon überzeugt worden, dass Reformen und grundlegende Veränderungen nicht erwünscht sind.

Zum Nachdenken über das Thema "Dopingopfer" sei hier hinzugefügt:
Hat man vergessen oder will man es übersehen, dass von 1992 in Barcelona bis 2000 in Sydney mehr als 60 % und in einzelnen Disziplinen sogar 75 bis 80 % der Olympiamedaillen der Bundesrepublik Deutschland von Sportlerinnen und Sportlern errungen worden sind, die aus der Leistungssportschule der DDR kamen?

Will man angesichts dieser Tatsache annehmen oder unterstellen, dass sie etwa "Dopingopfer" sind oder waren?
Hat sie etwa irgendeine geheime Macht "gedopt"?

Wenn man es denn nicht übersehen will, weil man die Medaillen für Deutschland liebt, aber nicht ihre Ursprünge, so ist allein schon die kalte Doppelzüngigkeit  der Bewertung zwischen Ost und West, zwischen BRD- und DDR-Sport, wie sie hier zum Ausdruck kommt, ein beschämender parlamentarischer Vorgang.

Die Anerkennung von Siegern einerseits und andererseits die Fortsetzung von Lügen und Verunglimpfungen des DDR-Sports sowie das Auslösen von Tränendrüsen  zeigt, wie scheinheilig diese erneute Kampagne angelegt ist.

Läge allen Verantwortlichen in Bund und Ländern die Gesunderhaltung bzw. medizinische Betreuung in diesem Falle einer "Minigruppe" - wie W. Knecht sie nennt - von ehemaligen Sportlerinnen am Herzen sowie deren berufliches Fortkommen, so hätte längst aus sozialer Verantwortlichkeit gehandelt werden können.

Eine auch vom Bundestag wie immer auch zu erfolgende Konstituierung von "Dopingopfern" kann jetzt und in Zukunft nicht anders verstanden werden als  der Versuch einer weiteren politischen Diffamierung der DDR und ihres Leistungssports.
Dagegen anzugehen und solche Versuche zurückzuweisen, sollte ein Teil unseres Kampfes gegen die politische Strafverfolgung und ihre Folgen bleiben.

Wenn es auch etwas pathetisch und bekenntnishaft klingen mag, sei es - obwohl es manche vielleicht nicht mögen - abschließend dennoch gesagt, und es soll  jenen gelten, die sich damit identifizieren können und möchten:

Wir sind es den vielen Sportlerinnen und Sportlern der DDR schuldig, dass wir ihren guten Ruf in der Welt des Sports verteidigen, dass sie mit ihren  Leistungen und oft auch mit ihren Haltungen als Beispiel für die Jugend in Erinnerung bleiben, denn sie haben durch jahrelanges, zielstrebiges und häufig auch hartes Training - betreut von qualifizierten Übungsleitern, Trainern, Wissenschaftlern, Technikern, Ärzten und Funktionären, unterstützt von verständnisvollen Eltern, Ehepartnern und Familienmitgliedern und umgeben von der Fürsorge der Gesellschaft - Großes für Ansehen und Ruhm des deutschen Sports, für sich persönlich und unser Land vollbracht.

 

Benutzte Literatur und Quellen:

-  Bauer, H.: Fakten und Zahlen der politischen Strafverfolgung ehemaliger DDR-Bürger in der BRD - Eine Zwischenbilanz - in: Solidaritätskomitee ...  Heft 7 der Dokumentation, Juni 2000

-  Buchholz, E.: Zehn Jahre unter bundesdeutscher Strafjustiz, in: Weissenseer Blätter, 3/2000, S. 20-32

-  Budzisch, M./Wuschech, H./Huhn, K.: Doping in der BRD, Spotless-Verlag Berlin 1999

-  Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, 173. Sitzung, Berlin, 31. Mai 2001 (aus: Sitzungsprotokoll)

-  Edelmann, W.: Schwarz-Grüne Koalition der Vergeltung, ISOR aktuell, Nr. 5/2001

-  Erbach, G.: Die politische Strafverfolgung gegen den DDR-Sport hat die Dopingpraxis im bundesdeutschen Sport nicht verhindert, in:  Solidaritätskomitee ... Berlin, Dokumentation H. 10, Dezember 2000, und GRH-Information Nr. 2/2001, Berlin, März 2001

-  Geipel, I.: Verlorene Spiele, Transit-Verlag Berlin 2001

-  Huhn, K.: Die unendliche Doping-Story, Spotless-Verlag Berlin 1997

-  Huhn, K.: Nur noch neun, in: junge welt, 2./3.4.6.2001

-  Kluge, V.: Das große Lexikon der DDR-Sportler, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2000 

-  Knecht, W. Ph.: Zwiespältige Wahrheitssuche in Sachen DDR-Doping, in: NOK-Report Nr. 6/2001, 1. Juni 2001

-  Osterhaus, St.: PDS-Vorstand unterstützt Dopingopfer, in: Berliner Zeitung, 9.5.2001

-  Reinsch, M.: Die Versuchskaninchen der DDR appellieren an den Bundestag, FAZ, Frankfurt/Main 10.5.2001 (zugleich Abdruck der Petition an den  Bundestag)

-  Spitzer, G.: Die PDS soll ihr Verhältnis zum Doping ordnen. Zur DDR-Vergangenheit, in: Süddeutsche Zeitung v. 26.4.2001

-  Singler, A./Treutlein, G.: Doping im Spitzensport, Meyer & Meyer Verlag Aachen, 2000

 

 

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