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Münchhausen erzählt
Geschichten zur Geschichte (Folge 1 und 2)
unter (dankenswerter ?) Mithilfe eines Herrn Henry Leide
Fortsetzungen in loser Folge zu und gegen
Münchhausens Apostel der Neuzeit
von
Horst Busse - Dr. Hans-Herbert Nehmer - Dieter Skiba
Einleitung
Der allgemein bekannte und als „Lügenbaron“ in die Geschichte eingegangene Freiherr Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen (1720-1797) hat bereits vor mehr als zwei Jahrhunderten das Zeitliche gesegnet.
Wegen seiner unglaublichen Geschichten über Kriegs-, Jagd- und Reiseabenteuer eilt ihm sprichwörtlich der Ruf eines maßlosen Aufschneiders voraus, der witzige, auf besondere Weise amüsante „Lügenmärchen“ verfasste und seiner Leserschaft gegenüber mit ironischem Augenzwinkern versicherte, alles das sei wirklich und wahrhaftig geschehen und zudem auch noch ihm persönlich höchst selbst widerfahren.
Jeder, der sich mit der Lektüre von Münchhausens Geschichten befasst, weiß von vornherein, dass diese mit der Realität nicht das Geringste zu tun haben und als freie Erfindungen, die sich zur allgemeinen Volksbelustigung eignen, aufgeschrieben und verbreitet wurden.
Was also hat ein Henry Leide mit Münchhausen gemeinsames?
Das soll jeder selbst erkennen!
Was Münchhausen von sich gab ist bekannt.
Was Herr Leide von sich gab, ist dies:
Die “Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik” (Kürzel: BStU) wähnen sich in der Annahme, die maßgebliche Institution zu sein, die Geschichte der DDR wahrheitsgetreu darzustellen.
Ein solches ‚Geschichtswerk’ ist das 2005 mit viel Pathos und Medienrummel herausgegebene Buch des Herrn Henry Leide
"NS-Verbrecher und Staatssicherheit – Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR“,
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Berlin 2005.
Darin gibt es einen Abschnitt zur Untersuchung des berüchtigten Kriegsverbrechens gegen die französische Zivilbevölkerung im Jahre 1944, bekannt als ‚Die Opfer von Oradour sur Glane’.
Bei Leide ( Seiten 124 bis 142 ) ist die Tragödie ein Abschnitt unter der Überschrift:
„Behandlung von in Frankreich verurteilten Kriegsverbrechern“.
Deutschland – sprich die Bundesrepublik – hat sich daran nicht beteiligt.
Der einzige Kriegsverbrecher zum Komplex Oradour wurde von der DDR zur Rechenschaft gezogen.
Und das kann man nicht unkommentiert auf sich sitzen lassen, meint Leide!
Wie in nachfolgenden Abhandlungen erkennbar wird, sind die Verfasser ‚Tatzeugen’, also Akteure gewesen:
Dieter Skiba, ein Untersuchungsführer in der HA IX/11 des MfS,
Horst Busse, Aufsicht führender Staatsanwalt im Ermittlungsverfahren und Vertreter der Anklage vor Gericht und
Dr. Hans-Herbert Nehmer, beteiligter Oberrichter.
Wir haben den ‚Fall Barth’ damals unmittelbar bearbeitet und sind schockiert über Leides Umgang mit der realen Geschichte zu diesem Thema.
Der Herr Münchhausen möge uns verzeihen.
Die Wahrheit ist seinem Tun in diesem Falle eigentlich nicht angemessen. Und weil Leide zu viel Münchhausen oder Propagandapotentaten gelesen zu haben scheint, müssen wir die Geschichten aufklärend vereinzeln.
Die 1. Geschichte
Eine vergessene Kleinigkeit
Es war einmal ein braver deutscher Polizist - jedenfalls behauptete er das von sich - der als Ordnungshüter im von den Nazis besetzen Gau ‚Böhmen und Mähren’ treulich seinen Dienst versah.
Sein Name war Heinz Barth aus Gransee, nach 1945 entnazifizierter und unbescholtener Bürger der DDR in Diensten der Konsum-Genossenschaft.
Und die reine Polizeivergangenheit aus seinem mehrfach eigenhändig mit zahlreichen Weglassungen geschriebenen Lebenslauf war ja kein Makel, ihn für gute Arbeit nicht auszuzeichnen.
Eigentlich hat diese Figur aus der Zeit der schlimmsten deutschen Geschichte es nicht verdient, neuerlich ins Rampenlicht gezogen zu werden. Das vermieden bislang auch unsere damaligen westdeutschen Nachbarn aus Gründen, die nur sie selbst bestens kennen.
Wenn dieser Barth nur nicht doch noch vom MfS als die Bestie enttarnt worden wäre, die er in Tschechien und Frankreich war, würde sein Name auch heute noch zu den geheimzuhaltenden Tabus gehören.
„Stasi-Geschichten“ machen sich gut, um das eigene Versagen in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen. Was da alles an den ‚Fall Barth’ angepappt wurde, geht buchstäblich auf keine Kuhhaut.
Aber bleiben wir zunächst beim braven Polizisten Barth.
Viel Papier und unzureichend zitierte Unterlagen der BStU lassen bei Leide eine Figur entstehen, die dem MfS schon längst - zumindest seit 1954, als nach Herrn Leide die Akte ‚auf Eis gelegt’ wurde - als Täter bekannt gewesen sei, aber aus politischen Gründen zeitweilig ‚verdeckt’ gehalten worden wäre.
Leide bewertet die von Barth für die Entnazifizierung, bei der Registrierung als ehemaliger Nazi-Polizeioffizier und in seinen Lebensläufen nach 1945 gemachten Angaben, in denen er alles Belastende verschwieg, verniedlichend als eine Art lapidares Kavaliersdelikt, indem er ausführt:
„Tatsächlich hatte er lediglich seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschwiegen" (Leide Seite 136)
Das suggeriert, alles andere sei bekannt gewesen.
(Man beachte das l e d i g l i c h.)
Wahr ist: Erst viel spätere Ermittlungen für Sicherheitsüberprüfungen (nach 1970) ergaben, dass Barth sich nach 1945 im Zusammenhang mit der Entnazifizierung zwar als ehemaliger Offizier der Schutzpolizei mit dem Dienstgrad Leutnant registrieren ließ, aber seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS und mehr verschwieg.
Wer die über Barth nach 1970 ermittelten Fakten richtig zu lesen vermag und wirklich daran interessiert ist, was er sonst noch außer „lediglich seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschwiegen“ hat, wird ohne Mühe feststellen, dass dazu auch
- seine NSDAP-Mitgliedschaft,
- Goldenes HJ-Abzeichen,
- Übernahme aus der Polizei-Reserve in das aktive Offizierskorps - als Leutnant der Schutzpolizei des Reiches mit Wirkung vom 01. 10. 1943,
- Angaben über Einsatzorte während des Krieges,
- Zugehörigkeit zur SS unter vorläufiger SS-Nummer und nicht nur Einsatz als Offizier der Waffen-SS u.a.m.
gehören,
- von der Teilnahme an Kriegsverbrechen / Verbrechen gegen die Menschlichkeit ganz zu schweigen.
Da darf doch mal gefragt werden, wem Leide und warum so verbissen einreden will, dass B.lediglich seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschwiegen habe.
Und aus welchem Grunde wird das so suggeriert, als wäre das alles zu einem frühen Zeitpunkt bekannt gewesen und hätte sich schon allein aus der beim MfS 1954 archivierten Akte ergeben?
Als wenn ein Papier in einem Archiv ein automatisierter Selbstläufer (Selbstanzeiger) wäre.
Die ‚Stasi’ hatte “die Akte auf Eis gelegt“ (Leide Seite 133). Sie hatte ‚vermutlich’ - Leide lässt das offen, aus welchen Gründen auch immer - keine Lust oder keinen ernsthaften Strafverfolgungswillen.
Obwohl Herr Leide weiss, was die 1954 archivierte Akte enthielt:
Nichts was zu zu Überprüfungshandlungen des MfS hätte führen müssen (siehe oben).
Und weiter: Nach Herrn Leide, holte die DDR - das MfS - dann 2 Jahrzehnte später zur Verärgerung der BRD einen langjährig geschonten Täter oder Tatverdächtigen wie ein Magier aus der Blackbox, um ihn mit propagandistischem Rummel in einem Schauprozess zu präsentieren.
Das macht er glauben, glaubt es aber selbst wohl nicht. Nur die für dumm gehaltenen Leser sollen das glauben.
Das ist zweckbestimmter Unsinn!
Münchhausen lässt grüßen!
Die 2. Geschichte
Nur große Zahlenspielerei?
Eigentlich ist es bekannt, dass in Deutschland West die Nazis gut davongekommen sind, die Naziverbrecher glimpflich. In der DDR wurde von Beginn an das Potsdamer Abkommen konsequent verwirklicht. Was nicht heißt, dass es durchaus etlichen Nazis gelang, sich einige Zeit zu verstecken. Um nun die Geschichte seit 1989 in ein neues Licht zu rücken, werden Zahlen jongliert, die „beweisen“ sollen, dass die DDR im eigenen Land Kriegsverbrecher unter der Decke gehalten, ja sogar als IM geworben hätte und daher kein antifaschistischer Staat gewesen sei. Der Erfindungsreichtum siegreicher Interpretationsfreiheit über die Geschichte der DDR bei der Anreicherung verbaler Schmutzkübel kennt keine Grenzen. Nunmehr waren wir laut Herrn Gauck „sozialistische Globkes“ (vgl. Canjé, ND vom 06./07. 09) und damit endgültig ein faschistischer Staat. Das relativiert die eigenen bewussten Versäumnisse im Umgang mit der Ausrottung des Faschismus. Oder hat die BRD zum Beispiel den Verfasser der ‚Judengesetze’ Globke, Oberländer, Hitlers General Gehlen (von USA Gnaden eingeführter BND-Chef) oder KZ-Baumeister Lübke enttarnt und verfolgt? Mitnichten! Lübke wurde gar Bundespräsident, obwohl die Antifaschisten in beiden deutschen Staaten auf das Wirken dieser sauberen Herren aufmerksamen gemacht haben. Erst als die Justiz der DDR ein Strafverfahren gegen Lübke einleitete, verabschiedete man sich leise von ihm, dessen geistige Haltung auch nach 1949 im berühmten, wohl eher peinlichen Ansprechen beim Staatsbesuch zutage trat, als er sagte: „Meine verehrten Damen und Herren, liebe Neger.“ Herr Leide ist da einer der großen Künstler im Spielchen mit Zahlen und Relativierungen von Tatsachen. Da das Thema zu umfangreich und für Viele zu undurchsichtig erscheint, zeigen wir hier nur einen klitzekleinen Ausschnitt aus der Palette der Irritationen.
Beispiel ist der Fall Heinz Barth als Kriegsverbrecher in Tschechien und Oradour sur Glane in Frankreich. Zu diesem grausigen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hatte die BRD nichts als Verdunkelung zu bieten, obwohl die meisten, vor allem verantwortlichen SS-Verbrecher, dort geruhsam ihre Pensionen verzehrten. Nur einen mitverantwortlichen Offizier fand man in der DDR. Untersturmführer Heinz Barth wurde schließlich nach jahrelanger Ermittlung durch das Untersuchungsorgan des MfS seiner Verbrechen überführt und vom Stadtgericht Berlin am 07. 06. 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Das Urteil benennt weitere Täter. Aber nichts geschah. Dafür wurde Barth nach 1990 begnadigt, erhielt satte Rentenbezüge – einschließlich „Kriegsopferrente“. Welche Verhöhnung wirklicher Opfer des Faschismus - welche Verniedlichung der Verbrechen der Nazitäter! Der Sturm der Entrüstung hat dem Barth nach Jahren wenigstens die „Opferrente“ gekostet. Die Polizei- und SS-Rente blieb. Aber da musste natürlich mehr getan werden, um die Angelegenheit zu ummänteln.
Herr Leide entdeckte: „Noch im Sommer 1988 wurden 134 SS-Führer auf dem Gebiet der DDR entdeckt. Durch Archiv-Überprüfungen konnten 81 der Waffen-SS, 15 der Polizei, 2 der Gestapo, 4 dem SD, 1 der Kripo, 3 den Totenkopfstandarten, 1 dem RSHA, 6 der allgemeinen SS zugeordnet werden. - “Leide”, Seite 124 – ‚Anti-Leide’, Seite 33. Hier nur das Wesentlichste dazu.
Wieso waren es 134 SS-Angehörige’, wenn bereits eine Zeile danach die „SS-Führer“ keine SS-Führer waren, sondern zu anderen Diensteinheiten gehörten? Diese Art der Darstellung ist ein reiner Psychotrick zur Ost-West-Relativierung. Oder sollen junge unkundige Leser die Unterschiede nicht mehr wahrnehmen?
Im übrigen war es nach dem Recht der DDR egal, welcher Diensteinheit eventuell mögliche Straftäter zuzuordnen waren. Entscheidend war, ob sie an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Und die Verwendung des Begriffs „SS-Führer“ ist ebenso eine Täuschung, ist eine Spekulation auf die Kenntnisse, genauer Unkenntnisse der heutigen Generationen über den Sprachgebrauch in der Nazizeit.
Für jüngere Mitbürger, die in der Zeit des Faschismus nicht oder nicht bewusst gelebt haben, muss erklärt werden, dass die SS ihren Angehörigen zum Dienstgrad das Wort ‚Führer’ anhängte, ohne damit einen Offiziersdienstgrad auszudrücken, z. B. SS-Rottenführer, SS-Unterscharführer, SS-Scharführer usw. Das war Imagepflege, dem ‚Führer’ Hitler gewidmet. Den SS-Angehörigen sollte damit deren besondere Bedeutung suggeriert werden. Der einzige „SS-Führer“ in der DDR war besagter Barth. Die anderen wirklichen SS-Führer in der BRD wurden nie belangt!
Wer die Auseinandersetzung mit Leide zu diesem Problem näher wissen möchte, kann im angeführten ‚Anti-Leide’ mehr erfahren. Zusammenfassend sei nur ein (Münchhausen-)Zitat aus Leides Erkenntnisschrift zur Methode und Zielstellung des Machwerkes ohne Kommentar angeführt. „... dann konnte es niemanden überraschen, dass ein signifikanter Prozentsatz von ihnen noch lebte und bis dato unerkannt in der Masse der DDR-Bürger mitgeschwommen war.”
Wohlfeile theoretische Konstrukte über den Klassencharakter des Faschismus halfen hier nicht weiter - in der DDR gab es mutmaßliche Täter, und zwar weit mehr als öffentlich eingestanden werden konnte, ohne die Selbstlegitimation als Staat der Opfer und Widerstandskämpfer infrage zu stellen.” (ebenda )
Fortsetzung folgt:
‚Mielkes Anordnung der Verhaftung’; ‚Verschwundene Verdächtige’, ‚Gerichtskonzeption des MfS’ und andere Gruselgeschichten.
Wer ohne Münchhausen im Zusammenhang lesen möchte, bestelle das Buch mit umfassender Quellenanlage bei der

Herrn Henry Leides Umwälzung
der Geschichte der DDR
‚Anti-Leide
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