Olympia 2010


Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e.V.
Der Vorstand



Sonderdruck
der Arbeitsgruppe Sport der GRH


Aktuelle Probleme der Olympischen Bewegung

mit Beiträgen von
Erhard Richter,
Dr. Klaus Huhn,
Helmut Horatschke,
Heinz Czerwinski.



Für Mitglieder und Sympathisanten


Berlin, Februar 2010







Olympia mit Höhen und Tiefen
- Von Willibald Gebhardt bis Thomas Bach -

Bekanntlich gehörte Willibald Gebhardt (1861-1921) zu den herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Sports. Gegen den Widerstand der damals mächtigsten deutschen Sportverbände, auch der Generale und des Hochadels, forderte er 1886 eine Mannschaft, die Deutschland bei den I. Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen vertreten sollte. Auch wurde er als erster Deutscher in das Internationale Olympische Komitee gewählt. Seine persönliche Tragik bestand allerdings darin, dass er nicht sehr begütert war und sich durch sein Engagement, als Freund des IOC-Präsidenten, des Franzosen, Baron de Coubertin, höheren Ortes unbeliebt gemacht hatte. 1909 wurde er gezwungen, im IOC seinen Rücktritt zu erklären. Schließlich sorgte man dafür, dass er schnell in Vergessenheit geriet. Heute wird Gebhardt durch ein Buch des Scheunen –Verlages und des Mitherausgebers, Dr. Klaus Huhn, wieder in ein rechtes Licht gesetzt. Dieses Buch wurde auch von den Olympioniken, Ruth Fuchs, Klaus Köste und Gustav-Adolf Schur, signiert.
Der Bogen von Willibald Gebhardt bis Thomas Bach ist sicher weit gespannt und auch gewagt. Zu Bach wird in den folgenden Beiträgen mehr gesagt. Dazwischen liegen die Ergebnisse Olympischer Spiele und Kongresse mit der Beteiligung beider deutschen Staaten. In der BRD wurden unter Carl Diem (als letzter Reichssportführer hielt er im April 1945 im Reichssportfeld vor über 1.000 Hitlerjungen eine Rede, in der er die Kinder und Jugendlichen aufforderte, für Hitler ihr Leben zu opfern), Ritter von Halt und Willi Daume (alles Größen der NSDAP) alte Traditionen fortgesetzt. In der DDR entstand eine neu formierte international hoch anerkannte Sportbewegung, die sich an den olympischen Idealen und Zielen orientierte. Die DDR-NOK-Präsidenten, Dr. Heinz Schöbel und später Manfred Ewald sowie das langjährige IOC-Mitglied, Dr. Günter Heinze (heute Ehrenmitglied des IOC), waren Repräsentanten eines neuen humanistischen Sports in Deutschland, der leider 1990 mit all seinen Strukturen zerschlagen wurde.
Die Höhen der olympischen Bewegung waren zweifelsohne die Gewinnung Tausender Menschen für eine sportliche Betätigung und schließlich auch ihre Teilnahme an den Spielen zum Ruhme und zur Ehre ihres Landes. Mit der olympischen Bewegung gewann der Sport, insbesondere in Europa, in Amerika, teilweise in Asien und vorerst spärlich in Afrika, zunehmend an Breite und auch an Begeisterung bei vielen Menschengruppen. Hohe sportliche Leistungen waren das Ergebnis harter Trainingsarbeit, wobei Schritt für Schritt auch neue wissenschaftliche Forschungen und Erkenntnisse Anwendung fanden.
Die Tiefen der olympischen Bewegung waren die beiden Weltkriege, die viele Olympiasieger und Olympiakämpfer in den Tod trieben. Durch die Kriege fielen die Spiele 1916, 1940,1944 ganz aus. Zu den Tiefen zählen auch die Boykotts der Olympischen Spiele von 1980 und 1984. Dank der Haltung der DDR-Staatsführung wurde der 1988 zur Diskussion stehende Boykott verhindert.
Die weltweite Anwendung von Dopingmitteln und der zunehmende Kommerz der Spiele, die totale Vermarktung sind weitere Schattenseiten. Heute ist das IOC ein Sportkonzern. Allein in den letzten Jahren erzielte das IOC durch den Verkauf der Übertragungsrechte über vier Millionen Dollar.
In Kopenhagen fand nun im Oktober 2009 der 13. Olympische Kongress statt. Auch für uns als Arbeitsgruppe Sport der GRH ist es Aufgabe, diesem Kongress Aufmerksamkeit zu schenken. Dr. Klaus Huhn, Helmut Horatschke und Heinz Czerwinski widmeten sich dieser Thematik.                         
Erhard Richter, Leiter der AG Sport der GRH


Aktuelle Probleme der Olympischen Bewegung
Von Dr. Klaus Huhn

Die Olympischen Kongresse liefern eine der erstaunlichsten „Serien“-Chroniken, die die Geschichte kennt. Anfang Oktober 2009 ging der 13. Olympische Kongress in Kopenhagen zu Ende, hinterließ ein stattliches 66-Grundsätze-Dokument und wurde dennoch von denen, die heute die öffentliche Meinung machen, also von den Medien, als „gescheitert“ deklariert. Der Focus vom 5. Oktober 2009 spielte sich als Zielfotobetrachter eines olympischen 100-Meter-Finales auf und urteilte, das Abschlussdokument sei eher eine „Mangelliste“ gewesen, und niemand habe den olympischen „Königsweg“ gefunden. Wer nach dem Kern dieser Debatten forschte, entdeckte schon bald, dass man auf eine kapitale „Reform“ Olympias gehofft hatte: Künftig sollen nun mehr die erfolgreichsten Athleten, die Medienstars – die ja auch die Marketingstars sind – an den Start gehen und den Spielen endgültig die Rolle eines unübertroffenen Spektakels sichern!
Friedliches Kräftemessen
Die Frage nach der Dimension der Spiele ist schon vor über einem Jahrhundert gestellt worden, weshalb man den Wert – oder Unwert? – des Kongresses in Kopenhagen nur zu analysieren vermag, wenn man zurückkehrt bis hin zum ersten Kongreß, der 1894 in Paris stattfand.
Allein um Anliegen und Problematik der frühen Kongresse zu erfassen, muß zunächst ein Blick auf ihre Abfolge geworfen werden. Von 1894 bis 1930 fanden neun Olympische Kongresse statt, 1973 – also nach 43jähriger Pause! – der zehnte, 1981 der elfte,1994 der zwölfte und nun also der dreizehnte. Wie könnte diese seltsame Zeitfolge zu erklären sein? Kein Statut und kein Reglement schreibt Kongresstermine vor. Während die Welt schon bald wusste, dass die Spiele alle vier Jahre stattfinden, unterliegen die Kongresse fast der Beliebigkeit. Erklären lässt sich dieses Phänomen nur mit der Moral, der Haltung und dem Charakter einiger Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)! Wären statt ihrer andere gewählt worden, wären die Kongresse längst in Vergessenheit geraten.
Um das verstehen zu können, muß man vor allem das Leben des ersten Präsidenten betrachten, der genau betrachtet allerdings gar nicht der erste war, weil ihn sein Charakter bewog, um der Sympathie der Gastgeber der ersten Spiele willen einem – allerdings höchst farblosen – Griechen das Amt zu übertragen und erst danach das Heft in die Hand zu nehmen.
Die Rede ist von Pierre de Frédy, Baron de Coubertin, geboren am Neujahrstag des Jahres 1863. Einer von Coubertins Großneffen hatte mich in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts in das kleine Coubertin-Schloß nach Mirville eingeladen und auch dort zu der Brücke geführt, die die Preußen während des Krieges 1870/71 in die Luft zu sprengen beabsichtigten, was der damals Achtjährige vereiteln wollte. Später lernte ich: Der Haß gegen den Krieg hatte ihn dazu bewogen und die antiken Spiele holte er in die Gegenwart, um den Frieden zu befördern! Das geschah 1894.Weil niemand in jener kriegreichen Welt begriff, was sich dieser Baron davon erhoffte, dass junge Menschen ihre Kräfte im Sport messen, statt aus Schützengräben aufeinander zu schießen, inszenierte er einen Kongreß, um das zu erklären.
1894 sollte in der Pariser Sorbonne verbindliche Regeln formuliert werden, wie man den Amateur vom Profi unterscheidet. Coubertin gelang es, diesem viele bewegenden Thema den Tagesordnungspunkt „Erneuerung der Olympischen Spiele“ hinzuzufügen, und so gilt dieses Treffen seitdem als der 1.Olympische Kongreß.

Als er mit seiner Idee einen von niemandem erwarteten Triumph feierte – die 1.Olympischen Spiele 1896 in Athen wurden ein glanzvolles Ereignis -, bediente er sich weiter der Kongresse, um für seine Idee neue Anhänger zu gewinnen. Es folgten Olympische Kongresse in Le Havre (1897), Brüssel (1905), Paris (1906), Lausanne (1913) und Paris (1914).
Coubertin wechselte während des Ersten Weltkrieges in die neutrale Schweiz, arrangierte dort den nächsten Kongreß in Lausanne (1921), dann einen in Prag (1925) und schließlich gewann er das Vor-Nazi-Berlin (1930) als Schauplatz.
1925 war er als IOC-Präsident zurückgetreten und hatte – seine „Kollegen“ richtig einschätzend – vorausgesehen, daß seine Nachfolger auf Rat- und Vorschläge erfahrener Sportfunktionäre und Pädagogen verzichten würden. Auch er selbst hatte darauf geachtet, daß Kongreßbeschlüsse nie für das IOC als verbindlich galten. So erklärt sich, daß das IOC in seinen turbulentesten Jahren – im Zweiten Weltkrieg hatten die Nazis versucht, das IOC in ihre Hand zu bringen – und in den Nachkriegszeiten nie einen Kongreß ins Auge gefaßt hatte, zumal die Nachfolger Coubertins auch meist selbstherrlich „reagierten“.
Drohender Gigantismus
Erst als 1972 dem US-amerikanischen Millionär Avery Brundage der irische Literat und Mediengeschäftsmann Lord Killanin folgte, änderte sich das. Zu dessen größten Leistungen gehörte der erfolgreiche Widerstand gegen den US-amerikanischen Präsidenten James Carter, der ihn und das IOC zwingen wollte, Moskau die Olympischen Sommerspiele zu entziehen. Das war 1980. Aber schon Jahre vorher hatte Killanin die Bemühungen der sozialistischen Länder, durch das Wiederaufleben Olympischer Kongresse die verkalkte Struktur des IOC zu überwinden, nicht nur stillschweigend geduldet. Schon vor seiner Wahl zum Präsidenten hatte er den Vorsitz einer Dreierkommission – jeweils drei Delegierte des IOC, der Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der internationalen Föderationen – übernommen, die den 1968 aufgekommenen Vorschlag, endlich einen neuen Kongreß abzuhalten, unterstützte. Die Probleme begannen logischerweise schon bei der Frage, wer einen solchen Kongreß finanzieren könnte. Schließlich meldeten sich die Bulgaren, die ihn dann im Feriendomizil Warna ausrichteten. Killanin lag vor allem daran, das Verhältnis zwischen dem IOC, den NOK und den Föderationen zu verbessern und akzeptierte sogar das vom Westen kritisierte Motto „Sport für eine friedliche Welt“. Unter den Gästen, die der Ire einlud, war übrigens auch ein Nachkomme Coubertins. Zum ersten Mal auch dabei: Zehn Olympiasieger und Mitglieder der Programm- und der Medizinischen Kommission des IOC.
Bewerten läßt sich der Erfolg dieses Kongresses, wenn man sich der damaligen Situation erinnert. Der Kalte Krieg bedrängte auch Olympia. Ein Frontabschnitt war der vom IOC beharrlich verteidigte Amateurstatus und vor allem das Zeremoniell der Spiele, wobei die Bundesregierung hinter den Kulissen beträchtliche internationale Bemühungen unternahm, die immer stärker in Erscheinung tretende DDR durch „Reformen“ – Abschaffung des Flaggenzeremoniells, Verzicht auf Hymnen – aus dem olympischen Vordergrund zu drängen.
Killanin bemühte sich in seinem Eröffnungsreferat den massiven Problemen beizukommen, auch in dem er gegen den drohenden Gigantismus der Spiele anging. Inzwischen war auch Doping zur ernsten Gefahr geworden und die Gleichberechtigung der Frau im Sport und damit auch bei Olympia war noch ein brennendes Thema. Die größte Gefahr, die Olympia aber drohte, waren die Auswirkungen des Ungleichgewichts zwischen den „reichen“ und den „armen“ Ländern. Coubertin hatte auch das vorausgesehen und schon1931 warnend festgestellt: „Der Sport ist kein Luxusgegenstand, keine Tätigkeit eines Müßiggängers. Es ist für jeden Menschen eine Quelle möglicher, innerer, nicht berufsbedingter Vervollkommnung.“ Und schon 1927, bei einer Denkmalenthüllung in Olympia, erklärte er:
„Wir, meine Freunde und ich, haben nicht gearbeitet, um Euch die Olympischen Spiele wiederzugeben, damit Ihr daraus ein Museum oder Kinostück macht, noch dafür, daß sich merkantile oder Wahlinteressen ihrer bemächtigen.“
 

Ökonomische Größe
Der Kongreß von Warna schuf zwar Voraussetzungen für längst überfällige Reformen der olympischen Bewegung, vermochte sie allerdings nicht vor der Kommerzialisierung zu bewahren. Die von Coubertin befürchteten „merkantilen Interessen“ waren auf dem Vormarsch – begünstigt durch den Nachfolger Killanins auf dem Stuhl des IOC-Präsidenten, den Spanier Juan Antonio Samaranch. Gravierendere Unterschiede als zwischen Killanin und Samaranch sind kaum zu finden. Der siebente Präsident war unter dem Faschistenführer Franco zum Sportminister Spaniens avanciert und verdankte seinen schon unter diesem Aspekt schwer erklärbaren Aufstieg dem Umstand, daß Spanien ihn nach Ende der Franco-Ära als Botschafter nach Moskau schickte, was bis hin in die DDR als ein positives Signal gewertet wurde. Daß die inzwischen weltweit Milliardenumsätze erzielende Sportindustrie in ihm ebenso einen „brauchbaren“ Mann sah wie die Konzerne, die längst Fabelsummen mit der Vermarktung der olympischen Fernsehübertragungen verdienten, sorgte dafür, daß das IOC fast über Nacht zu einer ökonomischen Größe wurde. Noch in den 60er Jahren war die „Verwaltung“ des Komitees mit einer Etage in der Gründerzeitvilla „Mon Repos“ ausgekommen – heute glaubt man, beim IOC-Domizil vor einem Konzerngebäude zu stehen. Auch politisch agierte Samaranch clever. Als ihm Erich Honecker nach den Spielen 1984 in Los Angeles versicherte, die DDR würde nie wieder Olympische Spiele boykottieren, und Signale aufkamen, wonach auch das südkoreanische Seoul gefährdet sei, demonstrierte er derart massiv Sympathie für die DDR, daß es ihm weltweit Ärger eintrug. So kam er zum Turn- und Sportfest nach Leipzig und überreichte den DDR-Oberen ein spezielles olympisches Banner als Anerkennung für die Verdienste um den olympischen Sport.( Was heute geflissentlich allerorts verschwiegen wird).
Ein Jahr nach den Moskauer Spielen, 1981, hatte Baden-Baden den 11.Olympischen Kongreß ausgerichtet. Vergeblich wandten sich Männer wie der NOK-Präsident der DDR, Manfred Ewald, von dessen Rednertribüne gegen die drohende Kommerzialisierung: „Mit der Verwandlung der Sportler in lebende Litfaßsäulen kann das Ziel, den Sport zur Entwicklung harmonisch gebildeter Persönlichkeiten beitragen zu lassen, nicht verwirklicht werden. (...) Geschäftemacher versuchen in zunehmendem Maße, sich der Wettkämpfe zu bemächtigen und sind sogar bemüht, sich Sitz und Stimme im Sport zu erkaufen.(...) Die Kommerzialisierung führt zum modernen Menschenhandel.“
Für die Aktiven hatte ein damals noch aktiver Fechter das Wort ergriffen. Nicht nur ich als Berichterstatter in Baden-Baden erfuhr damals, daß verschiedene Instanzen seine Ausführungen umtriebig „bearbeitet“ hatten, bevor er ans Rednerpult durfte. Einen Satz seiner Rede habe ich noch heute im Notizbuch: „Wir wollen keine wandelnden Litfaßsäulen sein.“ Das war – aber nicht sehr ernst gemeint – an die Adresse der DDR gerichtet. Inzwischen ist jener Fechter – Thomas Bach – zum IOC-Vizepräsidenten aufgestiegen und führte beim 13. Kongreß in Kopenhagen das große Wort. (Mancher im Saal hielt manches für Wahlwerbung, weil er darauf hofft, der nächste IOC-Präsident zu werden.)
Sport ist Menschenrecht
Es war ein Segen für die olympische Bewegung, daß sich die Mehrheit des IOC 2001 für einen Samaranch-Nachfolger entschied, der Coubertins Erbe nicht mit hohlen Worten pflegte, sondern dessen Ideen folgte. Gemeint ist der Belgier Jacques Rogge, ein renommierter Chirurg, der dreimal (1968, 1972 und 1976) an olympischen Segelregatten teilgenommen hatte. Er war 1991 für Belgien ins IOC gelangt und schon zehn Jahre später zum Präsidenten gewählt worden. Endlich stand wieder ein Mann an der Spitze des IOC, dem es nicht um persönlichen Gewinn ging!
Daß man schon 1994 in Paris den 12. Olympischen Kongreß abgehalten hatte, war mehr eine höfliche Geste gegenüber den Franzosen und Coubertin, der 1894 den ersten Kongreß an gleicher Stelle arrangiert hatte. Daß Rogge darauf bestand, den 13. Kongreß 2009 zusammen mit der 121. Tagung des IOC stattfinden zu lassen, war dagegen nichts weniger als eine Geste! Der Belgier wollte vor seiner Wiederwahl für klare Verhältnisse sorgen. Wie eingangs erwähnt, erklärten bundesdeutsche Medien den Kongreß für „gescheitert“, aber tatsächlich war der Wunschtraum gescheitert, Olympia endgültig zum Milliarden verheißenden Medienspektakel zu degradieren.
Auch dieser Kongreß endete mit einem Dokument „Die Olympische Bewegung in der Gesellschaft“. Es ist leider zu umfangreich, um es komplett wiederzugeben. Es beginnt mit der Feststellung: „Die Aufgabe des XIII. Olympischen Kongresses ist die Prüfung des Status der Olympischen Bewegung in der heute sich entwickelnden globalen Gesellschaft durch das Sammeln von Informationen, Suchen nach Meinungen über ihre Zukunft und Beschaffen von Leitlinien, Vorschlägen und Empfehlungen für alle Mandanten und andere Bewahrer der Olympischen Bewegung im Sinne ihrer Entwicklung und harmonischen Entfaltung in der Gesellschaft“.
Einleitend wird darauf verwiesen, daß der Kongreß 1.249 Teilnehmer zählte und durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-Moon begrüßt wurde. Die Grundprinzipien des heutigen Olympismus sind nach sechs Punkten gegliedert, denen 66 weitere Grundsätze folgen. Einleitend wird die Olympische Charta mit den Worten zitiert: „Olympismus ist eine Lebensphilosophie, die in ausgewogener Ganzheit die Eigenschaften von Körper, Wille und Geist miteinander vereint und überhöht. Durch die Verbindung des Sports mit Kultur und Bildung zielt der Olympismus darauf ab, eine Lebensart zu schaffen, die auf Freude an Leistung, auf den erzieherischen Wert des guten Beispiels sowie auf der Achtung universell gültiger fundamentaler ethischer Prinzipien aufbaut. Ziel des Olympismus ist es, den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung des Menschen zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist.“
Aktueller vielleicht noch das vierte Prinzip: „Sporttreiben ist ein Menschenrecht. Jeder muß die Möglichkeit haben, Sport zu treiben und dabei vor jeglicher Diskriminierung bewahrt sein, im olympischen Geist, der gegenseitiges Verständnis im Geist der Freundschaft, der Solidarität und des Fair play. Organisation, Verwaltung und die Ausübung des Sports muß von unabhängigen Sportorganisationen kontrolliert werden.“ So knapp die Formulierung sein mag, so deutlich und unmißverständlich ist sie.
Gesicherte Finanzen
Es ist ausgiebig darauf verwiesen worden, wie einflußlos Olympische Kongresse letztlich immer waren. Der von Kopenhagen könnte als ein auch vom IOC respektiertes Signal betrachtet werden. Als der brasilianische Multifunktionär Joao Havelange am Schluß der IOC-Session vorschlug, Rogge per Akklamation zum IOC-Präsidenten wiederzuwählen, lehnte der ab und bestand auf einer geheimen Abstimmung. Die bundesdeutsche Agentur dpa meldete: Rogge erhielt 88 Ja-Stimmen der anwesenden 93 IOC-Mitglieder. Das korrekte Abstimmungsresultat lautete 88 Stimmen für Rogge, eine gegen ihn. Der Eifer, mit dem die bundesdeutschen Medien über die Wahl in vier Jahren spekulierten, ließ ahnen, wer vor allem in Kopenhagen gescheitert war!
Samaranch hatte die Spiele den Profis geöffnet. Tennisstars und Tour-de-France-Helden schmückten sich fortan nebenbei mit olympischem Gold. Das nächste Etappenziel war, die Aussichtslosen gar nicht mehr zu Olympia reisen zu lassen und die Spiele zu „digitalisieren“. – Klartext: Die werbenden Stars auf allen Handys. Daran war in Kopenhagen unter Rogge nicht zu denken. Auch künftig werden die Athleten der über 100 Nationalen Olympischen Komitees dabei sein, werden nicht nur am Eröffnungsabend in die Arena marschieren, sondern irgendwann selbst starten – und im Sinne Coubertins sagen können, dabei gewesen zu
sein.
2010 wird in Singapur zum ersten Mal eine Olympiade der Jugend stattfinden und damit ein Coubertinscher Traum verwirklicht. Die Idee stammt von Rogge! 3.200 Athleten zwischen 14 und 18 Jahren werden in 26 Sportarten daran teilnehmen. Singapur wird olympisches Flair spüren können. Das IOC hatte allein 30 Millionen Dollar für neue Sportbauten bewilligt. Die Summe wird vielleicht nicht reichen. Gesichert aber ist, daß die Anreise und der Aufenthalt aller Athleten – und 800 Betreuer – finanziert wird.
Und das Echo in den Medien? Die Süddeutsche Zeitung vom 6. Oktober 2009 widmete dem Kongreß einen Kommentar, in dem man las: „(...) beim Sinnstiftungstreff im windigen Norden brutzelte das IOC im eigenen Saft. Kopenhagen war ein Rückschritt im Vergleich zum letzten Kongreß, der 1994 in Paris zur Blüte der Samaranch-Ära stattfand: Damals kam viel von außen herein, Wirtschaft und Medien waren Schwerpunkte der Kommunikationsorgie, Bosse von Brausekonzernen und Fernsehstationen lieferten spannende Reibungsflächen. In Kopenhagen befruchtete sich die olympische Familie selbst. Zentrale Fragen, die sich etwa um die Rolle des IOC in Peking 2008 drehten, wurden abgeschmettert. Die Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurde mit ihrer Rekordbilanz zu gebrochenen Schwüren und willkürlichen Verhaftungen rund um die Spiele 2008 ausgebremst.“ Hintergrund dieser Attacke: Der Kongreß war nicht bereit gewesen, „Menschenrechtsverletzungen“ bei den Spielen in Peking zu erörtern, auch weil die Spiele davon nicht betroffen waren.
Weiter mit den Attacken der Süddeutschen: „Spaniens NOK-Chef legte die Vorbildfunktion des Sports für Kinder dar und warb für die >Diskussion in der Gesellschaft über die Werte< des Sports, erklärte aber nicht, warum in Madrid die Dopingakte Fuentes geschlossen bleibt – obwohl darin jede Menge Sportwerte schlummern.“ Hintergrund: In Spanien schwelt seit Jahren vor der Justiz ein Dopingskandal. Den wollte man nun dem Olympischen Kongreß anlasten!
Als 1981 der Olympische Kongreß in Baden-Baden stattfand, erinnerte sich die Stadtverwaltung einer Coubertin-Büste, die 1938 hinter Büschen „verschwunden worden war“ und platzierte sie vor der Kongreßhalle. Im Saal hatte Samaranch davon unbeeindruckt mit der Demontage des Coubertin-Olympias begonnen. In Kopenhagen stand 28 Jahre später nirgends eine Büste Coubertins, aber Jacques Rogge und der 13. Kongreß vereitelten eine weitere Demontage!
 


Olympia im Visier der Vermarkter
Von Helmut Horatschke

Olympische Spiele, sportliches Weltereignis, von Baron de Coubertin als humanistisches Anliegen wieder ins Leben gerufen, waren aus gutem Grund für Berufssportler und alle Arten von Geschäftemachern verschlossen. Die weltweite Verbreitung des Fernsehens eröffnete jedoch für die dieses Massenmedium dominierenden Konzerne neue, höchst profitable Möglichkeiten für eine Kommerzialisierung des Leistungssports. Mit im Boot Sportartikelkonzerne und alle Arten von Großunternehmen, die Fernsehen, Sportstätten, Sportgeräte und die Sportler für weltweite Werbung nutzen wollen. Ihre Strategie:
- Aufkauf von Fernseh-Übertragungsrechten und ihre Vermarktung mit hoher Profitrate durch
 teure Werbeeinblendungen (In Nordamerika bereits gängige Praxis);
- Durchsetzung des Berufssportlers, den man von Wettkampf zu Wettkampf schicken kann,
 einschließlich der Olympischen Spiele, wo ein Sieg oder ein Medaillengewinn den
 Vermarktungswert erhöht;
- Beeinflussung des Programms der Olympischen Spiele zugunsten von Sportarten mit 
 möglichst spektakulärem Schauwert und der Startzeiten nach den Wünschen der größten 
 Direktübertrager;
- Umgestaltung der Wettkampfsysteme medienvermarktbarer Sportarten in internationale
 Cup-Serien, die eine ganze Wettkampfperiode ausfüllen. Dazu gehören auch
 Sommerwettkämpfe in Wintersportarten. Finanzieller Anreiz ermuntert die betreffenden 
 Sportföderationen, sich dieser Strategie zu unterwerfen;
- die Macht der Medien wird genutzt, die öffentlichen Interessen auf die profitablen
 Sportarten zu lenken. Andere Sportarten werden zu „Randsportarten“ abqualifiziert und
 weitgehend ignoriert. Der Medienkonsument soll sehen, hören oder lesen, was sich gut 
 vermarkten läßt. Der Handel mit Profi-Stars oder ihre persönlichen Befindlichkeiten werden
 damit wichtiger, als das sportliche Leben außerhalb der Profi-Szene.
Bei allem ist das Ziel erkennbar, die Olympischen Spiele voll in den großen Profizirkus zu vereinnahmen und alle noch verbliebenen Vermarktungsschranken zu beseitigen. Abzusehen ist, daß sich die Spiele zur spektakulären Schau der Profi-Eliten entwickeln würden, bei denen man auf das „Fußvolk“ der olympischen Bewegung durchaus verzichten kann.
In Person von IOC-Präsident Samaranch war 1981 der Gewährsmann dieser Strategie in Stellung gebracht und 1988 starteten im Tennis die ersten Profis bei den Spielen. Mit der Auflösung der sozialistischen Staatengemeinschaft kam ab 1990 der wesentlichste Widerstand gegen die Auslieferung der Spiele an den Kommerz zum Erliegen. Das IOC setzte sich an die Spitze der Vermarkter und wurde in einem Jahrzehnt zu einer reichen Institution.
Was ist seit 1980 geschehen:
- Die Olympischen Spiele sind vollständig für den Berufssport geöffnet. In den Medien 
 wird häufig zwischen den in der Regel hochprofessionalisierten „Kernsportarten“ und
 „Randsportarten“ ohne ausgeprägtes Profilager wie Rudern, Kanu, Hockey, Moderner , 
 Fünfkampf oder Bogenschießen unterschieden; 
- das Programm der Sommerspiele ist von 25 Sportarten mit 203 Disziplinen auf 37
 Sportarten mit 302 Disziplinen angewachsen (siehe Anhang). Die Zahl der Starter stieg von
 ca 7.000 (Boykott von 1980 berücksichtigt) auf 11.000 an. Damit wurde eine
 Größenordnung erreicht, die kaum noch zu erweitern ist;
- die Winterspiele sind seit 1994 auf das Jahr zwischen den Sommerspielen verlegt, von 8 auf 
 12 Sportarten und von 38 auf 86 Disziplinen erweitert (siehe Anhang). Die Zahl der Starter
 stieg von 1.070 auf 2.800. Im Zweijahres-Rhytmus vermarktet erzielen Olympische Spiele
 natürlich wesentlich höhere Gewinne;
- positiv ist die Erweiterung der Frauen-Disziplinen im Sommer um 77 und im Winter um 26
 zu werten, auf die vor allem die internationalen Sportverbände gedrängt haben. Bezüglich
 Boxen, Freistilringen, 3000 Meter Hindernislauf und Trick-Ski gibt es allerdings geteilte
 Meinungen;
- sicher nicht ohne kommerziellen Hintergrund ist die besonders starke Erweiterung der
 Disziplinen im Radsport, einschließlich Triathlon, von 6 auf 20, im Schießen von 7 auf 15,
 im Segeln von 6 auf 11, im Eisschnelllauf von 9 auf 20 (mit Kurzbahn), im Biathlon von 3
 auf 10 und im nordischen Skisport von 10 auf 18;
- der mit den Spielen erzielte Profit geht inzwischen in die Milliarden. Allein das IOC
 kassierte für Übertragungs- und andere Rechte 2008 rund 2,5 Milliarden Dollar und 
 einschließlich der Winterspiele 2006 4 Milliarden. Die Summe der Gewinne privater
 Kapitalgesellschaften dürften diese Beträge übersteigen;
- nicht zu vergessen ist die Pharmaindustrie, die mit leistungssteigernden Mitteln ein
 Milliardengeschäft betreibt und den Dopingfahndern immer um Längen voraus ist. Die
 antworten mit eingefrorenen Dopingproben, die noch nach acht Jahren – mit neuen
 Verfahren untersucht – zur Aberkennung von Medaillen führen können. Die
 Pharmakonzerne hingegen behalten ihren Gewinn und bleiben ungeschoren.

Auffallend ist, daß alle kommerzfreundlichen Veränderungen in die Amtszeit von IOC-Präsident Samaranch bis zum Jahr 2000 fallen. Seit den Spielen in Sydney und dem Amtsantritt von Präsident Rogge 2001 herrscht, von geringen Veränderungen einzelner Disziplinen abgesehen, der Status quo, sehr zum Ärger der Medienkonzerne und aller anderen Möchtegern-Totalvermarkter der Spiele. Es sind die gleichen Kräfte, die bereits ihren Gewährsmann, Dr. Thomas Bach, durch eine „Findungskommission“ an die Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gehieft haben und ihn nun auch an der Spitze des IOC sehen möchten.
Trotz der Teilerfolge, die der Kommerz erzielen konnte, bleibt es bei der Weltoffenheit der olympischen Bewegung und ihrer Spiele, beim Werbeverbot an den olympischen Wettkampfstätten, Sportgeräten und Sportbekleidung, wie auch dabei, daß Olympiastarter für ihre Platzierungen vom Veranstalter nicht bezahlt werden. Das IOC nutzt inzwischen seine lukrative finanzielle Position für die Förderung der olympischen Bewegung unter der Jugend und zur Unterstützung armer Länder. Im Oktober 2009 hat der 13. Olympische Kongreß in Kopenhagen einer weiteren Demontage der olympischen Idee und einer totalen Kommerzialisierung der Spiele eine Absage erteilt. Präsident Rogge wurde vom IOC für eine weitere Amtsperiode gewählt.
Offensichtlich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß jeder weitere Positionsgewinn des gierigen Kapitals nicht nur das Ende der olympischen Idee und Bewegung, sondern auch eines souveränen IOC nach sich ziehen würde. Sicher ein Erfolg, aber ebenso sicher nicht das Ende der Auseinandersetzungen.

 
Vor 30 Jahren – WIR erinnern uns...
Von Heinz Czerwinski

Das Jahr 2010 ist wieder ein Olympia-Jahr und Athleten aus vielen Ländern werden um Medaillen und möglichst gute Platzierungen kämpfen. Dies geschieht in einer Zeit, wo in Teilen der Welt auch gekämpft wird, aber anders als im sportlichen Wettstreit. Wo also Krieg geführt und täglich gestorben wird. Und deutsches Militär ist direkt daran beteiligt. Am
9. September des Vorjahres geschah das größte Massaker unter deutscher Beteiligung nach dem 2. Weltkrieg. Im Kundus, initiiert von deutschen Soldaten an vorwiegend unschuldigen Zivilpersonen.
Was nun hat das mit Olympia zu tun?
Erinnern wir uns an den Boykott vieler westlicher Länder der Olympischen Spiele 1980 von Moskau. Neben den USA fehlte übrigens auch der diesjährige Olympia-Gastgeber Kanada. Aus selbstverständlichem Gehorsam gegenüber den Vereinigten Staaten haben auch die Oberen der BRD die Teilnahme ihrer Athleten an Olympia 1980 verboten. Aus Furcht vor einer erneuten derben Niederlage gegen den abwertend genannten „Ostblock“ war scheinbar in der gesamten „freien Welt“ jede Begründung für eine Nicht-Teilnahme sehnlichst erwünscht. Zu tief saß noch das Ergebnis der Medaillenwertung von Montreal:

1. UdSSR47 x Gold – 43 x Silber – 35 x Bronze
2. DDR40 x Gold – 25 x Silber – 25 x Bronze
3. USA34 x Gold – 35 x Silber – 25 x Bronze
4. BRD10 x Gold – 12 x Silber – 17 x Bronze

Man suchte und fand natürlich eine Begründung, um die Spiele in Moskau zu boykottieren. Die sowjetische Armee, die sich im Kampf in Afghanistan befand, sollte durch diesen Boykott zum Abzug der Truppen bewogen werden. Wohlwissend, daß solche Forderungen, und demnach erst recht solch ein Boykott, völlig unsinnig waren und nur auf taube Ohren stoßen konnte. Als könnte der Sport tatsächlich Kriege verhindern.
Und heute? Wieder sind Truppen in Afghanistan und führen dort Krieg. Wie steht es heute mit dem Versuch, durch einen Boykott eventuell Frieden zu schaffen? Nein, diese Versuche gibt es heute natürlich nicht mehr. Es gibt ja nicht einmal einen Kommentar zu Olympia 1980 und dem damaligen Boykott. Es könnten ja Fragen auftauchen und Parallelen erkennbar werden... Und schließlich ist man ja nun selbst im Kriege und das hat Priorität. Aber es gibt diese Fragen – leise zwar, aber es gibt sie.






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