Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V. - GRH Der Vorstand
Information
Sonderdruck der Arbeitsgruppe Sport
Für Mitglieder und Sympathisanten
Berlin, Juni 2006
Notwendige Worte an Klaus Weise
Seit 1990 sind über den Sport der DDR zahlreiche Bücher, Broschüren, Bildbände, Dokumentationen u.a. erschienen. Darunter gute, weniger gute und einige, wie das Machwerk des DDR-Journalisten Klaus Weise „Sport und Sportpolitik in der DDR zwischen Anspruch und Realität“, die der politischen Zielstellung – Verleumdung der DDR und ihres Sports – dienen.
In seinen Seiten – oft abgeschrieben – reihen sich Fehleinschätzungen, Halbwahrheiten, Oberflächlichkeiten und Entstellungen aneinander.
Prof. Dr. Günter Erbach, Mitglied der AG Sport der GRH, hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, in klaren Worten Herrn Weise zu korrigieren und die Dinge vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen.
Unverständlich ist allerdings, dass die als links-kritisch geltende „Helle Panke“ mit diesem Autor die Diskussion über die DDR-Sportgeschichte eröffnen will.
Erhard Richter Leiter der AG Sport
Günter Erbach
Der DDR-Sport lebt... trotz fortgesetzter Verleumdungen Eine Rezension oder: Einige Richtigstellungen zur Geschichte des DDR-Sports
Zu Klaus Weise:
Gekürzter Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung vom SPOTLESS – Verlag aus: Beiträge zur Sportgeschichte, Heft 23
Vor der Rezension eines Buches oder in diesem Falle eines relativ kleinen Heftes mit 43 Textseiten ist man sicher gut beraten, die Lebens- und Berufsdaten des Autors zu Rate zu ziehen, zumal er mit dem gewählten Titel hohe Ansprüche der Bewertung ankündigt.
Daraus abzuleiten, man fände aus der Sicht eines erfahrenen DDR-Journalisten, der zudem noch Geschichte als Studienfach angab, eine durchdachte, auf internationale Entwicklungen und Kräfteverhältnisse sowie erkennbare gegensätzliche Positionen zwischen West und Ost (und umgekehrt) beruhende kritische Analyse mit neuen Akzenten und Bewertungen oder gar eine Darstellung der in diese Auseinandersetzungen eingebrachten Vorschläge und Standpunkte der DDR-Sportpolitik, der wird leider vom Gegenteil überführt und findet sich im Umfeld derer wieder, die dass Feindbild gegen sie und ihre Sportpolitik weiter pflegen.
Ein Beweis mehr dafür, dass man die Nachwirkungen des sozialistischen Sports noch immer mehr fürchtet als die historische Wahrheit dieser Jahrzehnte. Es werden keine neuen Quellen erschlossen oder anders geartete Sichten angeboten als die aus der Verleumdungsküche der seit mehr als einem Jahrzehnt wohlbekannten Autoren der etablierten sporthistorischen Zeitgeschichte. / 1
Insofern nichts Neues. Dafür wurde aber fleißig abgeschrieben und eine Vielzahl von Daten bemüht. Diese aber bestätigen ohne Zweifel den Fleiß des Verfassers in der Wiedergabe einiger ausgewählter historischer Bezüge und Ereignisse, soweit sie der Autor für seine Nachweisführung benötigte. Was ihn bewogen haben mag, sich auf 43 Textseiten auf ein so anspruchsvolles Feld einer Gesamteinschätzung der DDR-Sportpolitik zu begeben, ohne die internationalen Klassenverhältnisse und Widersprüche entsprechend heranzuziehen, ohne die auch die Sportpolitik eines Landes nicht verständlich gemacht werden kann, bleibt im Verborgenen.
So wurden die verleumderischen Bilder über den DDR-Sport ausgeschmückt, die von Grit Hartmann, Manfred Seifert, Hans-Joachim Teichler u.a. in die Welt gesetzt wurden. Dass er sich mehrfach auf Volker Kluges „Sportbuch DDR“ bezog, lag wohl an der Materialfülle und Dichte, die Kluge übersichtlich ausgebreitet und im allgemeinen in achtbarer Darstellung vermittelt hat./2. Hinter dieser durchaus annehmbaren, auch kritischen Gesamtbewertung bleibt Weise weit zurück, weil er sich auch auf das Vokabular westdeutscher Historiographie und von sogenannten Enthüllungsjournalisten stellt und mit solchen Begriffen und Stichworten wie Unrechtsstaat, Instrumentalisierung, Indoktrination, Doping und Stasi die Geschichte zu bewältigen versucht.
Man könnte eigentlich jetzt zur Tagesordnung übergehen, wenn man nicht die Tatsache zu übersehen gedenkt, dass sich ausgerechnet die als links-kritisch geltende „Helle Panke“ jetzt der DDR-Sportgeschichte annehmen und mit diesem Autor die Diskussion eröffnen möchte.
Außerdem und zuvörderst wurde K. Weise ausgewählt und wurde sein Beitrag für kompetent gehalten, im dieser Tage erschienenen offiziösen „Handbuch deutsche Zeitgeschichte“ mit dem Titel „Sport und Sportpolitik“ aufgenommen zu werden./3 Obwohl über Jahrzehnte als Sporthistoriker nicht bekannt, wurde er damit mit einem überraschenden Sprung in die Reihe derjenigen katapultiert, die für befugt gehalten werden, über den DDR-Sport globale Werturteile abzugeben.
Das geschieht auch gleich zu Beginn (mit dem 2. Satz des Textes) und sehr heftig – ganz Journalist – mit der allerdings seltsam anmutenden ahistorischen Frage, ob es den DDR-Sport „überhaupt gegeben habe“ oder er nicht „vielmehr eine Summation verschiedener Wirklichkeiten, die sich ergänzen wie beförderten, widersprachen wie aneinander rieben, behinderten und schoben?“(S.5)
Offensichtlich soll es originell, spitzfindig und klug klingen, was sonst? Nachdem alle namhaften Vertreter der internationalen Sportföderationen und der olympischen Bewegung wiederholt alle Seiten der DDR-Sportentwicklung bewertet haben, sich zuvor Einblicke verschafft und als beispielhaft für viele Länder bezeichnet hatten, sogar das journalistische Schlagwort des „Sportwunders“ international kursierte, ist diese Frage von einem vorgegebenen DDR-Kenner eine Art geistige Entgleisung.
Offensichtlich ist der Wunsch so mancher Wundertäter, die die Bundesrepublik zum bestimmenden Maßstab des Weltgeschehens des Sports machen oder erheben möchten, der Vater solcher Gedanken, dass nicht sein kann was nicht sein darf.
In diesem nicht zu überhörenden, überheblichen Ton erklärt er auch das von Irene Köhler/5 zitierte Wort von Hermann Kant über die Kämpfe unserer Zeit als berechtigt über die Vielfalt in den Anfangsjahren des DDR-Sports, um dann mit einem Satz die vierzig Jahre Entwicklung aufzuheben und das klingt so: „der respektable Ansatz der ersten Jahre, auch im Sport zu verändern, zu gestalten, im guten Sinne zu revolutionieren... wurde mehr und mehr durch Einfalt zunichte gemacht.“ (S.5) Das wird ganz im Sinne der Entfremdungstheorien bundesdeutscher Enteignungsphilosophie so erklärt, dass der Einzelne sich in den achtziger Jahren auch im Sport nicht mehr „zu Hause“ fühlte. Welch ein Widersinn zu den Tatsachen der Massenausbreitung des Sports in den Betrieben, Wohngebieten und auf dem Lande, der vielen populären Wettbewerbe, der Turn- und Sportfeste von 1954 bis 1987 und ihrer Vorbereitung, die das erlebbar für Hunderttausende widerspiegelten – trotz zweifellos vorhandener und auch spürbarer gesellschaftlicher Widersprüche in der Zeit des kalten Krieges, in der sich die DDR als sozialistisch erklärter Staat behaupten wollte und musste.
Weise entdeckt, dass die DDR kein Sportland war
Dieser Tage erhielt ich einen Brief einer ehemaligen Turnfest-Übungsleiterin Ute H. aus dem Brandenburgischen, zuvor selbst fünfmal als Aktive dabei. Sie erkundigte sich nach Musikvorlagen aus Übungs- und Festmusiken des letzten Festes und erinnerte sich, dass die „Jahre der Vorbereitung auf die einzelnen Verbände ... schön, aber auch anstrengend waren, wir unserer Sportjugend was geboten hatten“. Sie ist bis heute stolz auf die vollbrachten Leistungen und so geht es sehr vielen aus den Generationen der Turnfestjahrgänge mit ihren Erinnerungen an die sportliche Vergangenheit. Das wiegt auch im Geschichtsbild mehr als die Abwägung eines offensichtlich gewendeten Möchte-gern-Historikers, der fast am Ende seines Schlängellaufes durch Geschichte und Tatsachen zu der unglaublich wahrheitswidrigen Feststellung kommt, die wir hier vorweg nehmen wollen: „Ein Sportland DDR ... hat ... es nicht gegeben.“ (S.34)
Donnerwetter möchte man ausrufen, Klaus Weise, was für ein kritischer Zeithistoriker, DDR-Sportkenner, Zeitgenosse, endlich einer aus dem Osten, der es denen gibt, die früher von „Wunder“ geredet haben oder daran glaubten, die DDR hätte nicht nur im Leistungssport, sondern im Sport überhaupt Beispielhaftes geleistet. West-Bürger, Ihr bekommt es bestätigt, eigentlich ward Ihr im Ganzen immer besser, nicht nur im Fußball und Reiten, ein Weise hat es bestätigt, dass die DDR „im eigentlichen Sinne des Wortes“ kein Sportland war.
Aber so einfach macht er sich das nicht, er muß sich durch viele Tatsachen und Ereignisse hindurchwinden oder sagt man „schummeln“, wo er reichlich Gelegenheit zum Ab- und Nachschreiben findet und die Dinge so zusammenstellt wie er sie zu der angeführten Hauptaussage braucht.
Aus all diesen und den oben genannten Gründen wollen und müssen wir uns wohl mit seinen Geschichtsauslegungen befassen und müssen uns auf eine ganze Reihe von Einzelheiten einlassen, da sie ja scheinbar auch durch „Helle Panke“ und den Handbuch-Herausgebern als kompetent bewertet wurden.
Der Autor stellt seine Darstellung in neun Abschnitten vor, die sowohl Ziel, Inhalte und Strukturen des DDR-Sports als auch historische Ereignisschilderungen enthalten.
Der 2. Abschnitt, der so gegensätzliche Inhalte wie „Definition, Entwicklung und Defizite“ streift, endet negativ „im Verlust einer Vision“ und erweist sich letztlich als Verständigungsversuch des Autors mit Aussagen von Volker Kluge über den DDR-Sport, der durchgängig um eine objektive Darstellung bemüht bleibt. Da aber Kluge nach des Autors Meinung ein Mann Ewalds gewesen sei, muss ihm auch sein Verständnis über die Körperkultur im Ganzen in der DDR von Weise mit der geharnischten Aussage widersprochen werden, dass die DDR „... in keinster Weise ... eine blühende Sportlandschaft“ gewesen sei. (S. 8) Um sich nicht selbst ins Boot einer Auseinandersetzung mit Erklärungsmustern über den DDR-Sport setzen zu müssen, übernimmt er diese weitgehend bis hin zu der Eigenleistung, dass die „Sportvereine für viele DDR-Bürger (leider hat er sie nicht gezählt...) eine besondere und anziehende Form der ausgeprägten „Solidargemeinschaft“ bildeten, die aus unterschiedlichen Motiven bis hin zur Aversion gegen das bestehende System gespeist wurde.“ (S. 10)
Die Leser werden sich über diese scheinbar „wissenschaftliche“ und „politische“ Klugheit des Autors wundern und sich fragen, aus welchen BND-Kenntnissen solch Wissen gespeist sein könnte.
Weise hat Kluge nicht verstanden, er wandelt im Irrgarten seiner eigenen Widersprüche. Und das auch in den folgenden Abschnitten, die historische Begebenheiten und Strukturen so durcheinander wirbelt, dass am Ende herauskommen soll, im „ewigen Dilemma“ zwischen „Breiten-und Spitzensport“ bestände das eigentliche Problem und schließlich in „Indoktrination, Stasi, Doping.“
Mit Diem und Daume war im Osten kein neuer Weg des Sports denkbar und möglich
„Am Anfang war die Hoffnung“ ist der 3. Abschnitt betitelt und enthält in groben Zügen eine Schilderung der Nachkriegsentwicklung im Sport, die in anderen Arbeiten schon ausführlicher und genauer beschrieben ist, so bei G. Wonneberger u.a./6
Hier erwartet man aber eine Aussage darüber, welche Hoffnung dem Autor für die Gestaltung des Sports vorschwebte. Stattdessen reiht er sportpolitische Ereignisse aus Ost und West aneinander und vermittelt biographische Angaben von Willy Daume als Gegenüber von Manfred Ewald. (S. 12) Das dann noch Carl Diems Verdienste als Begründer des „Deutschen Sportabzeichens“ 1912 im Zusammenhang mit der Einführung des DDR-Sportabzeichens von 1951 „Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung des Friedens“ so einfach erwähnt werden, obwohl es sich sehr akzentuiert auf das 1931 entstandene sowjetische GTO-Programm bezog, kann nur als Verirrung in historischen Daten empfunden werden.
Es fehlt auch nicht die Funktionsangabe von Diem als Generalsekretär des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, als Rektor der Sporthochschule in Köln ab 1947, dafür aber wird seine verheerende Rolle als Leiter des Auslands-Gaues des NSRL, seine Durchhalterede vor Volkssturmsoldaten in den letzten Kriegstagen und seine Verantwortung bei der Gründung des bundesdeutschen NOK sowie die Teilnahmeverhinderung der DDR-Sportler an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki ausgeklammert.
Was haben solche Darstellungen noch mit „Hoffnungen“ zu tun ist hier der Autor zu fragen.
Weiter. Wie sollte die Gruppe Ulbricht 1945-1946 nach ihrer Ankunft in der Nähe Berlins mit einem Konzept für den Sport aufwarten? (S. 11) Auf der Tagesordnung der Geschichte in einer Zeit rauchender Trümmer und des Hungers, eines wirklichen gesellschaftlichen Neubeginns standen andere Fragen als zunächst der Sport, wie die Versorgung der Bevölkerung mit dem Nötigsten, die Öffnung von Bäckereien, Schulen usw.
Wie sollte es da schon um eine ausgereifte Konzeption gehen? Diese musste im Prozess der antifaschistischen Veränderungen entstehen und so war es dann auch.
Der Gruppe Ulbricht und später dem Sportausschuss des antifaschistischen Magistrats, um das Berliner Beispiel hier zu nennen, ging es um zwei Hauptfragen:
a) die Auflösung aller faschistischen Sportorganisationen, des NSRL, der Vereine – das
geschah durch die Direktive Nr. 23 des Alliierten Kontrollrates v. 17.12.1945 (und wurde
hier auch erwähnt – S. 11) und
b) keine Neubildung der alten bürgerlichen Sportorganisationen aus der Zeit vor 1933 und
auch nicht eines einheitlichen Verbandes des Arbeitersports.
Über Letzteres bestanden in verschiedenen Territorien und sozialen Gruppen Meinungsunterschiede und es gab vielfach Bestrebungen der Neubildung. Die Entwicklung in West und Ost nahm unterschiedliche Formen an, weil sie von den Positionen der Besatzungsmächte abhängig war. Erst als sich im Osten Deutschlands im engen Zusammenhang mit dem demokratischen Umgestaltungsprozess, der Boden-und Bildungsreform, der Enteignung der Junker und Kriegsgewinnler die antifaschistisch-demokratischen Parteien festigten, auch antifaschistische Jugendausschüsse ihre Arbeit aufgenommen hatten, die FDJ in Brandenburg/Havel ihr Programm mit den Grundrechten der Jungen Generation verkündet hatte, ergaben sich auch entsprechend neue Perspektiven für die Sportentwicklung.
Das sich in der sowjetisch besetzten Zone Jugendorganisation und Gewerkschaften schließlich nach den Erfahrungen im kommunalen Sport als Trägerorgane anboten, war ein folgerichtiger Schritt in der demokratischen Umgestaltung, nicht die Fortsetzung des alten Weges, sondern ein Schritt in Neuland. Hier wurde nicht nach einer vorgedachten Konzeption oder einem historischen Vorbild verfahren, sondern es entstanden neue Basisstrukturen des
Sports und das war dann beim Aufbau der demokratischen Sportbewegung in der Folgezeit ein mehrjähriger Prozess der Vervollkommnung. Hier wird dieser Prozess ausgeklammert, alles wird weitestgehend auf Personen bezogen.
Soviel aber war doch damals vollkommen klar: Mit Diem und seinesgleichen waren keine neuen „Hoffnungen“ zu verbinden. Mit seiner Rolle als Sportreferent im Bonner Innenministerium und als Schriftführer im bundesdeutschen NOK gelang es ihm, den eingefleischten Antikommunisten, einen verhängnisvollen Einfluss zu nehmen und den Alleinvertretungsanspruch der Adenauer-Regierung zu vertreten und zu behaupten. Das wird hier sorgsam verschwiegen.
Dafür werden im folgenden Abschnitt vier (knapp 3 Seiten) die nächsten zwei Jahrzehnte der DDR-Sportentwicklung mit „Instrumentalisierung und Institutionalisierung“ in groben Strichen skizziert, das Staunen erregt, denn eine ¾ Seite wird der Schilderung der Taten und der sogenannten Charakterschwächen von Manfred Ewald gewidmet, der nach K. Weise so etwas gewesen sein soll, wie der „...zwiegesichtige „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ des Sports“.
Was auch immer nach der schnörkellosen Darstellung über W. Daume und K. Diem dieser Vergleich bedeuten soll, den Kennern des DDR-Sports wird das mit recht nicht als eine Form ernsthafter Darstellung und auch nicht einer kritischen Auseinandersetzung vorkommen, eher als makaber.
Das einheitliche Sportsystem der DDR wurde in Jahrzehnten aufgebaut und vervollkommnet
Der Autor macht sich leider hier wie auch in dem folgenden Abschnitt mit der Klischee-Überschrift: „Spitzensport und Breitensport“ (mit 10 Seiten der größte Abschnitt) nicht die Mühe, den tatsächlichen auch theoretisch begründeten Grundlagen und Konzepten des DDR-Sports nachzugehen. Er will oder kann nicht begreifen, dass nach zwei Jahrzehnten praktischer Gestaltung der Körperkultur und des Sports als einheitliches System auch von einem DDR-Sportkonzept die Rede sein kann. Er übersieht Parteitagsbeschlüsse mit theoretischen Aussagen zur gesellschaftlichen Rolle des Sports, die Verfassungsfestlegungen zum Werteverständnis von Körperkultur und Sport als Teil der Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen, der Nationalkultur, des Bildungs- und Gesundheitssystems, des Sozialsystems, der Landesverteidigung usw. Die Folge waren grundlegende Gesetze der Volkskammer, Anordnungen und Verordnungen der Regierung, Regelungen für den Sport in übergreifenden Gesetzeswerken wie dem Arbeitsgesetzbuch, die ein Bedingungsgefüge für die Sportentwicklung ermöglicht haben, das in der Welt für Staaten ähnlicher Bevölkerungsgröße und Dichte durchaus beispielhaft war.
Natürlich war die DDR kein Land des materiellen Überflusses, das war auch objektiv bedingt, erschwerte sich noch durch die gewaltigen Reparationsleistungen an die Sowjetunion. Jeder hat das gewusst, wenn auch nicht in seinem ganzen Gewicht und Ausmaß.
Dass aber spricht nicht gegen diese Grundprinzipien der Einordnung des Sports in das Werteverständnis der Gesellschaft. Und was sind 20-30 Jahre des Aufbaus einer neuen gesellschaftlichen Ordnung mit so vielen quantitativ und qualitativ neuen Merkmalen und geforderten Verhaltensweisen, zumal noch in einer Zeit des sich zeitweise sehr zuspitzenden Kalten Krieges.
Der Autor allerdings sucht sich Ereignisse und Erscheinungen heraus, die in sein Bild einer politisch diffamierenden Abwertung passen, er spürt nicht dem Neuen nach, sondern sucht mit erkennbarem Vergnügen „Auswüchse“. Wer wollte bestreiten, dass es in diesen stürmischen Jahren der vielfältigen gesellschaftlichen Umgestaltungen, der vorherrschenden Ungeduld, den fortdauernden Störmaßnahmen eines durchaus materiell starken politischen Gegners im Westen mit der Rückendeckung des größten imperialistischen Staates dieser Welt, den tiefgehenden sozialen Veränderungen bis in die konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen der Familien hinein nicht eine Fülle von Schwierigkeiten, objektiv bedingten und auch subjektiv verursachten Fehlern, Einschränkungen und Belastungen gegeben hat, geben musste.
Von einer Geschichtsdarstellung aber ist zu erwarten, dass sie diese Erscheinungen ins rechte Verhältnis zu den großen Umgestaltungen der Gesellschaft setzt, die z.B. von den revolutionären Veränderungen der Besitzverhältnisse ausgingen. Selbstverständlich erfordert das auch für die Bewertungen der Sportentwicklung gesellschaftspolitisches Verständnis und Augenmaß und nicht Diffamierungseifer.
Allerdings tut der Autor in manchen Passagen so, als ob er den DDR-Sport verteidigen würde. Zumindest klingt es so in dem abgrenzenden Satz, „dass die systematische Hinführung auf Spitzenleistungen... in vielen Aspekten auch Beispielcharakter hatte“... natürlich befreit von der „Ideologisierung“ (S. 20) mit ihren „Auswüchsen“, die dann folgen.
Aber deshalb hat man ja auch einiges im sogenannten „Einigungsvertrag“ übernommen, einige Filetstücke, (FES, Forschung) andere abgewickelt, wie die DHfK, nur vom System der Förderstufen hatte man offensichtlich nichts begriffen. Das ist aus Angst vor der Pest „Ideologie“ noch heute so und scheint in Fragen politischer und fachlicher Einschätzung auch die Feder des Autors geführt zu haben, zumindest will er es auch mit seiner Diktion über die „Disproportion“ Spitzen- und Breitensport unter Beweis stellen. (S. 23)
Wer das einheitliche DDR-Sportsystem – wozu der Leistungssport wie alle anderen Teilsysteme gehörte – wirklich objektiv beschreiben und begreifen will, mit seinen staatlichen und gesellschaftlichen Inhalten und Strukturen, seiner Funktionalität auf der Grundlage gemeinschaftlich (kollektiv) vorbereiteter Analysen und Beschlüsse (auf verschiedenen Leitungs- und Handlungsebenen), der Rahmenbedingungen sowie der Planungs- und Führungsprozesse, die ein koordiniertes wie auch kooperatives Zusammenwirken ermöglichten und vor allem und gleichzeitig die Wirksamkeit Hunderttausender Übungsleiter und ehrenamtlich tätiger Funktionäre sowie etwa 10 Tausend hauptamtlich bezahlter Kräfte im Bereich der Sportorganisation und weiterer ca.20. 000 im Bereich der Volksbildung, des Hoch- und Fachschulwesens, der bewaffneten Organe, der Betriebe und Genossenschaften, in den Gewerkschaften und weiteren Organisationen sowie der örtlichen Staatsorgane bis zum Sportplatzfacharbeiter und Techniker, wer diesen Menschen gerecht werden will, der muss das Ganze zu begreifen suchen und auch die Details richtig einzuordnen verstehen.
Sonst kommt man zu einem so negativen, gleichermaßen ungerechten und sachlich nicht zu verstehenden und rechtfertigenden Urteil, wie der Autor Klaus Weise mit den Worten, dass man sich in der DDR in der Volkssportentwicklung einer „hohler und realitätsferner Phraseologie“ (S 23) bediente.
Einiges über Finanzierung und Sportstätten
In den folgenden Abschnitten versucht der Autor mit Zahlen und Aussagen über Finanzen und die Sportstättensituation die von ihm festgestellte „realitätsferne Phraseologie“ zu belegen, die allesamt neben der Wahrheit liegen, dichter oder weiter entfernt.
Krönung ist die Behauptung über die 30 Mio. Mark der DDR Fördergelder für 35 Sportverbände und das noch ohne Jahresangabe. Was diese Summe im Positiven oder Negativen beweisen soll, erfährt man nicht oder kaum. Das ist die Summe über die das Büro zur Förderung des Sports 1988 in etwa verfügte, einem Jahr mit Olympischen Winter- und Sommerspielen, einer Höchstausgabe an Ausbildungskosten aufgrund der Zahl der geförderten Sportler und der ausgeworfenen Prämien aufgrund der gewonnenen Medaillen.
Über die Finanzierung der Gesamtförderung des Sports sagt diese Angabe nur irreführendes, da sie keine Zusammenhänge vermittelt.
Die Finanzierung der Sportförderung erfolgte – um von der geübten Praxis, beginnend mit der Fünfjahr- und Volkswirtschaftsplanung der sechziger und dann der siebziger und achtziger Jahre, auszugehen – durch Zuwendungen
a) in den Staatshaushaltsplänen an den DTSB, der in den zentralen und örtlichen Organen für den Sport ausgewiesenen Mittel (z.B. Staatssekretariat für Körperkultur für zentrale Investitionen, Ausbildung und Forschung usw., Ministerien (Volksbildung, Hoch- und Fachschulen, Berufsschulen) usw., örtliche Staatsorgane – Sportstätten der Städte und Gemeinden.
b) in den Betriebsplänen der volkseigenen Industrie, den Betriebskollektivverträgen sowie in landwirtschaftlichen Genossenschaften und volkseigenen Gütern usw.c) der Gewerkschaften in der Regel 7-12 % der Mitgliedsbeiträge) und anderer Organisatio- nen wie DFD (Frauenbund), VdgB (gegenseitige Bauernhilfe) für besondere dem Sport gewidmete Ausgaben (Betriebssportfeste, Sportreisen usw.)
Die jährliche Fördersumme aus dem Staatshaushalt – in dem von der Volkskammer beschlossenen Staatshaushaltsplan enthalten – für den DTSB insgesamt (also Personalkosten vom Bundesvorstand bis in die Kreise und TZ, Zuwendungen für die Sportverbände, Sportwettkämpfe, internationale Reisekosten, Zuwendungen für Sportgemeinschaften ohne Trägerbetriebe usw.), über die er in eigener Regie verfügte, betrug z.B. 1980 noch 229 Mio. Mark (zuvor also weniger) und stieg dann in den folgenden Jahren ab 1986 z.B. auf 330 – ca. 340 Mio. Mark der DDR.
Dass der Leistungssport damals wie heute eine beträchtliche und im Prinzip durchaus nachweisbare Summe in Anspruch nahm und gegenwärtig weiter erhält, gehört zu den Alltagsweisheiten im Sport, allein durch die Konzentrationsmaßnahmen in Clubs, die speziellen Sportschulen und ihre Ausstattung, Trainer und Sportärzte, medizinisches und technisches Personal, durch nationale und internationale Wettkampfkosten, Trainingslager, Sportmaterial usw..
Daraus aber politische Beschuldigungen über grobe Missverhältnisse zwischen Volks- und Leistungssport abzuleiten und mit Zahlen zu operieren, die nicht stichhaltig sind – so z.B. dass im DTSB 80% der Finanzmittel im Leistungssport eingesetzt worden seien (S.34) ist unseriös und irreführend.
Ohne Verständnis der Systemwirksamkeit und Systemabhängigkeit des Leistungssports und seiner Strukturen und der Integration mit den anderen Bereichen des Übungs- Trainings- und Wettkampfsports innerhalb der Verbände und des DTSB als Sportorganisation insgesamt lassen sich genaue Abgrenzungen der Finanzierung nicht treffen. Es ist immer zu beachten, dass die allgemeine Sportförderung durch Gesetze wie z.B. auch des Arbeitsgesetzbuches, des Jugendgesetzes usw. ja strukturell vielschichtig weiter wirkte und zwar außerhalb des DTSB-Budgets und deshalb vor allem im Volkssportbereich.
Hier muss der gesamtgesellschaftliche Aufwand für Körperkultur und Sport herangezogen werden. Dann lässt sich etwa ein Anteil von 32,3% der Fördermittel für den Leistungssport im Verhältnis zum gesellschaftlichen Gesamtaufwand feststellen unter Einschluss von Investitionen und weiteren Positionen, die auch den anderen Sportbereichen zugute kamen.
Für den DTSB mit seinen Sportverbänden, Clubs und Sportschulen sind für die Jahre 1987/88 nicht mehr als 62,8% im Rahmen seines Haushaltsplanes herauszurechnen.
Ähnliche Angaben müssen auch zu den materiell-technischen Bedingungen und der Sportstättensituation gemacht werden, da die von K. Weise hier weitgehend von Teichler übernommenen Angaben und Aussagen der Realität nicht gerecht werden.(S. 34) Trotz der Nichterfüllung von Investitionsplänen aufgrund wachsender wirtschaftlicher Probleme in den verschiedenen Jahren – worüber es selbstverständlich kritische Auseinandersetzungen gab – entstanden in der DDR von 1971-1990 dennoch 8055 Sporteinrichtungen, darunter 3318 Turn- und Sporthallen und 140 Schwimmhallen. Dazu zählten auch über 150 kleine Sprungschanzen für die 1. Förderstufe, die im letzten Jahrzehnt großenteils wieder zerfallen sind, nicht erneuert, weil nicht mehr gebraucht wurden. Nicht zu übersehen waren die beträchtlichen Aufwendungen bei nachfolgenden Sporteinrichtungen, die in diesen zwei Jahrzehnten gebaut wurden, die es auch ermöglichten, internationale Wettkämpfe zu veranstalten wie die Sport- und Kongresshalle Rostock, Sporthalle Schwerin, Sportzentrum Berlin mit Eissporthalle Dynamo, Eishockey-Halle, LA- und Boxhalle, Spielhalle, Mehrzweck-Sporthalle in Frankfurt (Oder) u.a. für Hallenhandball und Radsport, Sportanlagen des ASK in Potsdam, Radrennbahn in Cottbus, die Eissporthalle in Halle-Neustadt (auch für Boxen), der Ausbau der Messehalle in Leipzig, die Fußballschule mit Trainingshalle, der Eissportkomplex in Dresden mit Halle und Eisschnelllaufbahn, die Rennschlitten- und Bobbahn in Altenberg, Wintersportanlagen in Oberwiesenthal, Eishalle und Eisschnelllaufbahn in Erfurt, die Rodelbahn und die Sprungschanzen in Oberhof, Schießanlagen in Suhl sowie die Neubauten für die Kinder- und Jugendsportschulen, wissenschaftliche Einrichtungen wie DHfK, Forschungsinstitut, sportmedizinische Kreis- und Bezirksberatungsstellen, Sportschulen des DTSB usw.. Die vollständige Liste würde Seiten füllen. Es entstand eine beträchtliche materielle Basis, die nicht nur für den Leistungssport, sondern für alle Bereiche der Körperkultur Nutzen brachte. Genauso klar war auch, dass wir mehr wollten, weitergehende Pläne hatten, denn die Entwicklung war nicht abgeschlossen. Wir verfügten über genaue Pläne der Sportstättensituation, selbstverständlich einschließlich der Bausubstanz, wussten, in welchen Ballungsgebieten Großsporthallen und Schwimmhallen entstehen sollten. Die DDR war allerdings in materiellen Fragen kein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dennoch waren die Ansprüche hoch und sie blieben hoch. Wenn auch unter den gegebenen Bedingungen manche Pläne nicht erfüllt wurden, ein Zuwachs wurde erreicht und es blieb ein Spielraum, erkannte Disproportionen zu verringern. Der Sport ist bekanntlich in seinen Ausprägungsmöglichkeiten und seinem Bedingungsgefüge immer auch von wirtschaftlichen Gegebenheiten abhängig. Unabhängig von den spürbaren Schwierigkeiten der letzten DDR-Jahre, war eine Substanz vorhanden, die auch für die folgenden Jahren ein hohes Leistungsvermögen garantiert hätte und alle diesbezüglichen Erwartungen von Teichler und Kollegen wären Fehlrechnungen gewesen. Außerdem weiß jeder Fachmann und erfahrene Sportpolitiker, dass zum Bedingungsgefüge – so wichtig es auch ist – in erster Linie die Sportler selbst und ihre Trainer und ihr Umfeld gehören, sie sind dann entscheidend für die Erreichung der Leistungsziele. Wer in leistungssportlichen Entwicklungskategorien zu denken und zu urteilen vorgibt oder versteht, sollte die Ergebnisse und Entwicklungslinien bis in die Gegenwart zu Rate ziehen und sich vorschnelle Urteile über die Endzeit des DDR-Leistungssports ersparen.
Der konstruierte Konflikt zwischen Massen- und Leistungssport
Widersprüche zwischen den Ansprüchen des Leistungssports (siehe nur die Anforderungskataloge bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften in einer Vielzahl von Sportarten) und denen des „Sports für alle“ oder des unteren Wettkampfsports der Vereine in den Territorien wird es immer geben. Diese müssen ja nicht von feindlichen Übernahmen bestimmt werden oder dort enden. Das verlangt Verständnis und Zusammenarbeit. Auf diese Verhältnisse in der DDR bezugnehmend findet K. Weise, dass man sie durch „wortreiche Bekundungen mit hohler und realitätsferner Phraseologie und zum Teil in Pseudoaktivitäten“ bewältigt habe. (S. 23)
Dann aber zählt er diese sogenannten Pseudoaktivitäten in der Vielzahl der volkssportlichen Wettkämpfe und Veranstaltungen sowie der Bemühungen um die Erfüllung des Sportabzeichenprogramms durch Hunderttausende auf, die allesamt Freude und Entspannung dabei fanden.
Da schon Positives über den Massensport nicht verschwiegen werden konnte, bedurfte es auch Zeugen dafür. Da ist zunächst Andreas Herbst, /7 der im letzten Jahrzehnt mit vielen zeitgeschichtlichen Veröffentlichungen über die DDR hervortrat und sich nun auch des Sports angenommen hat. Zum Experten wurde posthum Manfred Seifert /8 erkoren, der 1990 bereits mit eigentümlichen Bewertungen und nicht übersehbare Tatsachen des Massensports diffamierend in Frage zu stellen versuchte. Schließlich endet das aber in der Diktion von Seifert/Weise, dass das Gros der Freizeit- und Breitensportler in der DDR nichts anderes wollte, als in „Ruhe den sportlichen Ambitionen... zu fröhnen“. Warum man ihnen unterstellt, sie hätten sich damit als „Nur-Sportler“ gezeigt, kein Interesse für den Sozialismus und für Politik ausgedrückt, ist eine unbewiesene Behauptung. Aber wer hat denn jemals verlangt, dass die Übungsstunden oder Wettbewerbe, die Treffen in fröhlicher Runde und bei sportlichem Spiel Parteilehrjahresstimmung erzeugen sollte.
Die sachgerechten Angaben zum Thema von Ingeburg Wonneberger, einer Expertin der DHfK und Edelfried Buggel, /9 dem namhaften und auch international bekanntesten DDR-Fachmann für Volkssport, werden hier nicht ausgewertet, merkwürdigerweise in diesem Zusammenhang nicht einmal erwähnt.
Und warum werden die für Hunderttausende Menschen so großen Erlebnisse bei den Turnfesten als „Propagandashow“ disqualifiziert? Wo gab es bei so großen Festen des Sportes eigentlich keine Propaganda? Und für welche Sache ist zu fragen. Oder sind die Eröffnungen und Abschlusszeremonien bei Olympischen Spielen etwa kein Massentheater höchster Güte mit viel z.T. ansehnlichen, aber auch nicht so begeisternden Propagandaeffekten? Und was ist Propaganda, wenn man nicht die Frage für wen oder was beantwortet und gerade das umgeht K. Weise wo er nur kann. Er ist kein Kritiker, sondern versucht sich auf Beckmesserart. Dass er dann letztlich im Schlängellauf zugeben muss, dass der Massensport in der DDR so schlecht nicht war, ist wohl nicht das Fazit seiner Erkenntnisse, sondern die Last der Tatsachen. Hätte er sie mehr beachtet, hätte er auch in den Fragen der Sportstätten und der in der DDR durchgeführten internationalen Sportwettkämpfe nicht zu Halbwahrheiten greifen müssen.
Im 6. Abschnitt folgte dann endlich – man konnte es kaum erwarten – etwas über das „Sportwunder DDR – Medaillen als Nachweis für Systemüberlegenheit“ (S. 27-37). Wie ein Paukenschlag beginnt Weise hier die „DDR-Propaganda“ zu entlarven, so als ob er in der RIAS-Zentrale des kalten Kriegers säße. Willy Knecht, den leider zu früh verstorbenen, bekennenden kalten Krieger und Spezialisten des DDR-Sports hätte man es wohl zugetraut und sich nicht gewundert. Aber er ist kein Willy Knecht, der sein Feindbild nie verschleiert hat. Hier wird es unter dem Deckmantel kritischer Objektivität vorgestellt.
Außerdem, das mit dem Wunder und den „Systemvergleichen“ war keine Erfindung der DDR, sondern durchaus das übliche Vokabular dieser Jahrzehnte in westlichen Medien, zumindest seit der Zuspitzung vor und nach dem Mauerbau in den sechziger Jahren. Klaus Weise benutzt diese Vokabeln wie früher andere, er lässt sein „Wissen“ über den Gesellschafts- und Staatsaufbau in der DDR spielen, fügt historische Ereignisse ein, wobei der internationale Kontext fast immer übersehen wird. Der Höhepunkt dieser in diesem Rahmen weitschweifigen und ungeordneten Darstellung ist – in dem er zum Hauptschlag ausholt – die von ihm fixierte These:
„Das Sportwunder galt allein für den Mikrokosmos Spitzensport, alles andere war ein „böhmisches Dorf“, das vorgaukelte, was so nie wirklich existierte.“ (S. 34)
Man muss diese Wortakrobatik zweimal lesen. Und da konnte nur noch folgen, dass es ein Sportland DDR „ im direkten Wortsinne“ nie gegeben hat, wir zitierten das bereits an anderer Stelle.
Da hat er Knecht endlich übertroffen, aber das hat dieser nie zu „beweisen“ versucht. Weise schlägt sich hier mit seinen Aufgaben über den Anteil von „70-80%“ des DTSB-Budgets für den Leistungssport ohne jegliche Details über die tatsächliche Aufschlüsselung auf die Seite derjenigen, die auf Teufel komm raus beweisen wollen, dass die Zuwendungen für den Leistungssport „bar jeder wirtschaftlichen Vernunft“ gewesen seien. Hier H.J Teichler als Kronzeugen anzuführen ist zwar eine Verlagerung der Verantwortung auf einen West-Wissenschaftler, zeigt aber zugleich, wie wenig beide in die Interpretation volkswirtschaftlicher Daten und Zusammenhänge der DDR, auch im Zusammenhang mit der Sportförderung, eingedrungen sind.
Das wird auch insgesamt beim Rollen- und Systemverständnis des Sports deutlich. Während das für Teichler noch verständlich ist, kann es bei Weise nicht hingenommen werden. Er hat sich auch in DDR-Zeiten darum wohl nicht sonderlich bemüht, denn wo er sich mit Strukturen und Funktionen, den Fragen institutioneller Verantwortung und Zuständigkeit sowie Zusammenarbeit und Kooperation beschäftigt, liegt er überall nicht voll im Kurs. Das macht viele seiner Aussagen zusammenhanglos und unpräzise.
Hier sei – weil es ja um eine Heft-Besprechung geht und nicht um ein Ersetzen von korrigiertem Text (obwohl es nötig wäre) nur vermerkt, dass man in der Systemfrage des Sports in der DDR (und so wurde es auch an der DHfK gelehrt) von einem einheitlichen staatlich- gesellschaftlichen System von Körperkultur und Sport ausgehen muss. Danach unterscheiden wir Verantwortungs-und Zuständigkeitsebenen der staatlichen Organe für den Sport, eben die Wahrnehmung der staatlichen Belange als Verfassungsauftrag (zentrale und örtliche Staatsorgane), und die Verantwortung und auch Zuständigkeit der gesellschaftlichen Massenorganisationen für ihre Mitglieder (DTSB als direkte und spezifische Organisation des Sports sowie die GST für technische Sportarten und Belange der vormilitärischen Erziehung, weiterhin zählen dazu Gewerkschaften, Jugendorganisation, Frauenorganisation, Künstlerverbände usw.). Es gab also in dieser Gesamtstruktur keine gegenseitige Unterstellung, Über- oder Unterordnung, auch personell nicht, alles andere sind Konstruktionen.
Eine Koordinierung in Grundfragen der Sportentwicklung im Sinne der Verfassung und der Gesetze (Jugendgesetz, Bildungsgesetz, später Gesetzbuch der Arbeit usw.) erfolgte seit 1952 im Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport beim Ministerrat (seit 1970 Komitee für Körperkultur und Sport der DDR) als Gremium im Sinne einer bevollmächtigten Zentralen Kommission verantwortlicher Verantwortungsträger aller Ebenen.
Für besondere Anlässe wie den Turnfesten, Spartakiaden, Friedensfahrten wurden spezielle Komitees (Festkomitees, Spartakiadekomitees), die alle Verantwortungsträger staatlicher Organe und der gesellschaftlichen Organisationen mit sportinteressierten bzw. bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vereinte.
Dass der DTSB als Massenorganisation eine spezifische Verantwortung für die Übungs-Trainings- und Wettkampfformen des Sports und damit auch der Leistungsentwicklung wahrnahm und damit auch oft in eine Art Führungsrolle kam, ergab sich aus der Rolle des Sports in der Gesellschaft sowie der Erfordernisse des Weltsports und der Zusammenarbeit in der olympischen Bewegung und den internationalen Sportföderationen mit all ihren Besonderheiten. Das aber hat die Befugnisse der anderen nicht aufgehoben, war vielleicht gerade in der DDR auch ein Ausdruck einer besonders effektiven Form, die Rolle des Sports zu dokumentieren. Diese Ausprägung einer spezifischen Leitungsform war m.E. nur möglich durch den praktizierten Politik- und Staatsaufbau der DDR, d.h. bei Anerkennung der führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei, wie es in der Verfassung seit 1968 fixiert war.
Wer nicht bereit ist oder sich in der Lage zeigt, den Gesellschafts- und Staatsaufbau der DDR, die Strukturen in ihrer Funktionsfähigkeit wie sie bestanden und sich realisierten als Ausgangspunkt anzuerkennen, wird auch viele Vorgänge und Zusammenhänge – wie es viele Arbeiten beweisen – mit Vorbehalten, einseitig oder gar falsch darstellen. Das innere Leitungsgeschehen in verschiedenen Ebenen des DDR-Sports – seine wirkliche Rolle im Leben der DDR-Gesellschaft – kann m.E. nicht aus dem politisch-ideologischen Blick- und Betrachtungswinkel der bourgeoisen BRD-Gesellschaft projiziert oder verstanden werden.
Spezifische Fördermaßnahmen des DDR-Sports sind erst entstanden, nachdem in westlichen Staaten längst durch Staat und Monopole arteigene Fördermaßnahmen durch Sponsoren und viele geheim gehaltene Formen praxiswirksam geworden waren. Um diese zu verschleiern wurden die DDR-Sportler als „Staatsamateure“ etikettiert und die im DDR-System vom „Büro zur Förderung des Sports in den Betrieben“ bearbeiteten und praktisch veranlassten Fördermaßnahmen vor allem der Ausbildungssicherung der Athleten als Geheiminstitut tituliert, obwohl im Laufe der Jahre Zehntausende Fördersportler und eine Vielzahl von Betrieben und Institutionen damit zu tun hatten. Es gab angesichts der Auseinandersetzungen im Weltsport und der vielen geheimen Kanäle der praktischen Sportförderung durch Monopole und Bundeswehrdienststellen für den DDR-Sport keinen Anlass, damit noch Propaganda zu machen. Wer das im Nachhinein als sensationell oder verwerflich hinstellt, sollte seine Geschichtsbrille säubern und seinen Betrachtungsstandpunkt richtig einordnen.
Das dreistufige Fördersystem zur Nachahmung empfohlen
Im 7. Abschnitt wurde das in mehreren Jahrzehnten aufgebaute dreistufige sportliche Fördersystem vorgestellt und besprochen (S. 36-41) und der sportverständige Leser bekommt eine ausreichende Übersicht und Vorstellung über dieses System und den aufgewandten Mühen und wie es funktionierte. Wie bereits in der Systemfrage hingewiesen, wurde hier über alle Struktur- und Verantwortungsebenen hinweg oder anders ausgedrückt ihrer Nutzung eine effektive sportliche Ausbildung gestaltet und dazu die Rahmenbedingungen gesichert. Hier wird viel Richtiges mitgeteilt. Außerdem haben es andere Autoren schon recht übersichtlich vermittelt./10
Natürlich gab es auch in anderen Ländern interessante und wirksame Fördersysteme wie z.B. in der Sowjetunion und Bestandteile davon wie die Kinder- und Jugendsportschulen und andere Formen der Trainingszentren wurden verändert und (Mitte der fünfziger Jahre bereits) den DDR-Verhältnissen angepasst übernommen. Erst in den siebziger und achtziger Jahren – mittlerweise umfassend auch durch sportartspezifische Auswahlparameter wissenschaftlich vervollkommnet – erwies es sich als ausgesprochen effektiv für die DDR-Gesellschaftsverhältnisse. Entscheidend dabei war und das wird oft übersehen das tägliche und wöchentliche Trainingsregime, das Grundlagen und sportartspezifische Training in Übereinstimmung mit der schulischen Betreuung, die Belastungsgestaltung mit dem Ziel der Gewöhnung an immer höhere Trainingsbelastungen bis zu 30 und mehr Stunden, geleitet durch sportwissenschaftlich gut ausgebildete Trainer. Eine sportmedizinische Betreuung war dabei genauso gefragt wie die Begleitung durch verständnisvolle Pädagogen mit psychologischem Einfühlungsvermögen. Es traten echt neue Problemstellungen an die Sportwissenschaft, Pädagogik und Psychologie heran und wer hier an besondere medizinische Beeinflussung denkt ist auf dem Holzweg.
Die „Einheitliche Sichtung und Auswahl“ – EAS genannt – war ein Programm der sportwissenschaftlichen Untersuchungsmethodik, das staatlich-gesellschaftlich umgesetzt wurde und viel strukturelle Organisation und Verständnis auch und gerade der Lehrer und Eltern verlangte. Die herabwürdigenden Bemerkungen über die Spartakiade, die Weise wohl für nötig hielt (S. 37/38) zeigen sein Unverständnis über dieses System, denn selbstverständlich waren gerade die Spartakiaden ein außerordentlich wichtiges Kettenglied in diesem Aufbau- und Bewährungssystem sportlicher Talente. Das alles als „Propagandashow“ abzutun liegt ganz im Sinne bundesdeutscher Agitationsformulierungen über das „reputationshungrige Vaterland“ DDR und was man noch für Bezeichnungen erfand, um das Sportland DDR in Misskredit zu setzen. Klaus Weise wollte hier nicht nachstehen und beteiligt sich noch 16 Jahre nach dem Anschluss daran. Man fragt sich an vielen Stellen der gewählten Art seiner Darstellung, ob er sich immer noch bewähren muss, sein Angepasstsein an den Mainstream - Jargon zu beweisen. Wenn er schon Tatsachen richtig wiedergibt wie über die TZ- und KJS- Förderung, so werden diese immer wieder mit negierenden Kennzeichnungen versehen, so „über die erdrückende staatliche Rundumbetreuung“ oder die Prinzipien der Delegierung, die ganz selbstverständlich – wenn man sie schon anwenden muss – immer mit Veränderungen verbunden sind und damit Probleme für den Einzelnen und sein Umfeld mit sich brachten, die in der Praxis nicht einfach und erst recht nicht schematisch zu lösen waren. Wo ist das z.B. bei jungen Musikern, Artisten oder Künstlern der Fall, die in ähnlichen Situationen waren und sind. Er sollte sich mal die Militärschulen im Vereinigten Königreich oder in den USA ansehen, normale Eliteschulen der Bourgeoisie oder des Adels, in denen „ganz privat“ Disziplingesetze angewandt werden, die nichts mit einer „Überfrachtung“ durch die sozialistische Ideologie zutun haben. Man muss ganz sachlich feststellen und einfach begreifen, dass angestrebte Spitzenleistungen ein anderes Lebens-, Verhaltens- und Trainingsregime verlangen und das wussten die Eltern, häufig auch die mithelfenden Verwandten und die jungen Sportler. Gerade das hat sich Irene Köhler bemüht – identifiziert mit diesen Problemen – für die damaligen Zeitverhältnisse darzustellen. Das heute herabzuwürdigen ist einfach unfair.
Doping war für den DDR-Sport ein Nachteil - aber ein Problem der Chancengleichheit
Im 8.Abschnitt kann Klaus Weise sich endlich als Gralshüter der „reinen Wahrheit“ gegen „Indoktrination, Stasi, Doping“ vorstellen, indem er seine „Beweisführung“ mit Halbwissen über den Gegenstand Doping vorträgt und wie üblich mit Verdächtigungen und Konstruktionen verbindet, die anderen Begriffe nur nennt, weil sie wohl dazugehören.
Hätte er sich bemüht, den von ihm zitierten Roland Matthes zu folgen, der die einseitige „Schwarz-Weiß-Malerei“ gegenüber dem DDR-Leistungssport in Frage gestellt hat (S.45) und wäre er seiner eigenen richtigen Feststellung gefolgt: „Fakt ist und das bleibt unumstritten, dass das Doping in der DDR Teil einer internationalen Entwicklung war, die bis heute nicht gestoppt werden konnte...“ (S. 43), so wäre er selbst nicht in die Falle der absichtsvollen politischen Verurteilung gestürzt. Wenn er schon diese Erkenntnis gewonnen hat, warum hat er sich dann nicht die Mühe gemacht, wenigstens einige Daten und Zusammenhänge im internationalen Kontext, die Entwicklung u.a. in der BRD, in den USA, in der Sowjetunion zu nennen. Er hätte unschwer zu der Erkenntnis gelangen können, dass Dopingmittel wie anabole Steroide als Vorteil im Sinne des nationalen Prestigedenkens oder auch (wenn man so will) als „Waffe“ in der Zeit der Systemauseinandersetzung im Kalten Krieg genutzt wurden. Beispiele sind bekannt von den Olympischen Spielen Melbourne 1956, Rom 1960 und München 1972, aus der Leichtathletik, dem Schwimmsport und Radsport usw..
Diese Zusammenhänge sind aufgedeckt und beschrieben. /11
Hier nur einige Aspekte/Angaben dazu, die sich besonders auf die Zeit bis 1990 beziehen.
- Zunächst ist festzustellen und zu unterstreichen, Doping war immer eine Begleiterscheinung des Weltsports, trat mehr oder minder häufig an die Oberfläche, war in seinen Anwendungsformen immer geheim, denn es widersprach den allgemeinen Regeln der Fairness (wie so vieles im Weltsport);
- obwohl es seit den fünfziger Jahren annehmbare Dopingdefinitionen gab, seit 1967 eine Medizinische Kommission, die sich der Sache annahm, zeigte sich das IOC nie in der Lage, war auch zeitweise nicht ernsthaft willens dazu, gleichberechtigte Dopingkontrollen durchzusetzen. Es beschränkte sich lange Zeit auf die Kontrollen während der Spiele. Die Verbotslisten waren ein Fortschritt, sie führten aber auch mit den angesetzten Kontrollen während der Spiele nicht zu einer Chancengleichheit im internationalen Sport.
- der DDR-Sport kam erst Mitte/Ende der sechziger Jahre mit den Dopingproblemen in einzelnen Sportarten in Berührung und hat sich seitdem auf internationaler Ebene für ein Dopingverbot und für internationale Kontrollen eingesetzt, sie immer gefordert und sie unterstützt. Da es nicht gelang, gleichermaßen Ost- und West-Länder betreffende, gleichberechtigte Kontrollen durchzusetzen, musste trotz sportethischer Bedenken die regelkonforme Chancengleichheit für die DDR-Sportler gewahrt und gesichert werden. Das ergab sich als sportpolitische Konsequenz, wenn man weiterhin am internationalen Wettkampfgeschehen teilnehmen wollte.
Das Dopingszenarium im internationalen Sport mit den unterschiedlichsten Praktiken und den immer wieder neu auf den Markt kommenden Wirkstoffen war für den DDR-Sport kein Vorteil, eher hinderlich, denn er verfügte ja über ein in jeder Hinsicht funktionierendes Förder- und Trainingssystem des langfristigen Leistungsaufbaus, das zu den effektivsten in der Welt zählte. Dennoch war das kein Freifahrtschein für internationale Erfolge, aber bei zielstrebigem Training eine der sichersten Voraussetzungen dafür.
Doping war sogar in jeder Hinsicht für den DDR-Sport ein Nachteil, dennoch gab es für die Verantwortlichen dazu keine Alternative, wenn man dabei bleiben wollte. Stellen wir uns vor was geschehen wäre, hätte der DDR-Sport aus ethischen Gründen seine Teilnahme am internationalen Sportgeschehen aufgegeben. Die Welt der reinen Demokraten des Sports und der Öffentlichkeit der westlichen Welt hätte der DDR schon damals (weit vor Gorbatschow) propagandistisch einen „Totenschein“ ausgestellt.
Da wir nun heute in einer Welt der reinen christlichen Nächstenliebe, des Humanismus und der Wahrheit zu leben scheinen ist die Verurteilung dieser Haltungen und Verhaltensweisen ein leichtes und die Worte „Betrüger“ und „Verbrechen“ gehen leicht aus dem Kopf, der allerdings in nicht seltenen Fällen ein hohler zu sein scheint.
Aber kehren wir zu sachlichen Argumenten zurück. Es war und ist bis heute bekannt und gültig, dass bei Spitzenathleten mit gleichem Niveau bestimmte leistungsfördernde Substanzen und Verfahren, die auf der Dopingliste genannt sind, eine etwa 5-6% bessere Leistung erwartet werden kann. Bei jüngeren Athleten natürlich mehr, denn es hängt selbstverständlich von vielen Faktoren ab. Insofern erweist sich das Doping immer wieder und erneut als medizinisches, trainingsmethodisches wie auch als sportpolitisches und sportethisches Problem der Chancengleichheit und Fairness im Sport.
Es gab und gibt nur zwei Alternativen, entweder vollkommenes Verbot und lückenloses Kontrollsystem und damit Ausschalten jedweder pharmakologischen Beeinflussung nach internationaler Übereinstimmung über die Wirkstoffe und Verfahren oder Offenlegung der Einnahmen durch Athleten und Ärzte mit allen Konsequenzen für die Gesundheit. Es versteht sich, dass der zweite Weg mehrheitlich keine Zustimmung findet und sicher auch nicht finden wird, eher wird sich der Leistungssport als weltweites Phänomen in der jetzigen Form selber überflüssig machen. Er ist durch die rücksichtslose Vermarktung und den unverantwortlich hohen Einsatz von Geld sowie der illegalen Ausbreitung aller möglichen leistungssteigernder, auch pharmakologischer Mittel schon auf dem Wege dazu.
Für Klaus Weise muss es natürlich bei der Behandlung dieses Themas eine Schuldfrage geben. Er übersieht großzügig die seit langem bekannten Dopingpraktiken in der Bundesrepublik, die Tatsache, dass bereits in den sechziger Jahren Forschungsvorhaben über Anabolikagaben an jugendliche Sportler existierten. / 12 Seit 1977 bestand die Aufforderung von Dr. Wolfgang Schäuble auf einem Hearing im Sportausschuss des Bundestages, wenn es denn für das Prestige der Bundesrepublik nötig wäre, auch anabole Substanzen unter ärztlicher Kontrolle einzusetzen... / 13 usw., was dann auch definitiv geschah, selbstverständlich ganz „privat“, wie hin und wieder auch zugegeben wurde.
Weise wählt Formulierungen, die ihn als Kenner und Spezialisten der Dopingpraxis ausweisen sollen, dabei ist seine Argumentationsfolge nichts anderes als die Wiedergabe der Argumente aus den politisch motivierten Gerichtsverfahren von 1998-2000. Dabei konstruiert er sogenannte Sachzusammenhänge, die so nicht bestanden. Er behauptet z.B., wider besseres Wissen (S.42), dass das als „Vorlage für die LSK“ bezeichnete Papier den „Charakter einer Regierungsvorlage“ gehabt habe, später „Staatsplanthema 14.25“ war und „gigantische Dimensionen“ annahm. Das sind Lügen und Unwahrheiten. Es gab nie eine Regierungsvorlage für Dopingmaßnahmen wie es auch angesichts der international auf diesem Gebiet festgestellten Praxis auch keine Beschlusstexte dazu in gewählten Leitungen des Sports gab, nicht einmal in der Leistungssportkommission. Entscheidungen und praktische Maßnahmen erfolgten durch verantwortliche Leiter und Fachleute nach sachgerechten Abklärungen von Literaturanalysen, internationalen und eigenen Forschungserkenntnissen und nur im vertraulichen Sinne in dem Personenkreis, der damit befasst war.
Die Dopingpraxis war nie und nirgends ein offener Markt und ist es heute erst recht nicht. Staatsplanthemen waren Bezeichnungen für Forschungsthemen und sicherten auch Kapazitäten im Forschungsbereich usw. Um alles richtig zu stellen, was hier auf engem Raum zusammengeschrieben wurde, bedürfte es längerer Erläuterungen, für die hier wahrlich nicht der Platz ist, ohne das Anliegen einer Besprechung noch mehr auszuweiten.
Warum, so ist noch heute zu fragen, sollte unter Beachtung des damaligen Wissensstandes und der informellen Verbreitung aller möglichen pharmakologischen Substanzen durch Themen im Sinne der Grundlagenforschung nicht ernsthaft untersucht werden, welche tatsächliche leistungssteigende Wirkung mit diesen Mitteln erzielt werden. Gerade das war ja auch das Anliegen des gewählten Forschungsthemas.
Da – um es nochmals zu sagen – alle Bemühungen der in den verschiedenen Kommissionen des IOC oder Internationaler Föderationen tätigen DDR-Sportmediziner im Auftrage der DTSB-Leitung nach gleichberechtigten internationalen Dopingkontrollen auch in den USA und der Sowjetunion nicht zum Tragen gekommen waren, das IOC und seine Medizinische Kommission außer Appellen und Verbotslisten solche Kontrollen nicht durchsetzen konnte bzw. diese nicht vollständig waren, sowie Informationen über eine weite Verbreitung auch in der BRD zunahmen (durch Literatur inzwischen ausreichend belegt), /14 war für den DDR-Spitzensport die Frage der Chancengleichheit vollauf gerechtfertigt und nur dadurch sind die dann auch verdeckt oder vertraulich (wie überall) durchgeführten Maßnahmen zu verstehen.
Sie erfolgten durch verantwortliche Sportmediziner in Verbänden und Clubs im Bereich des Sportmedizinischen Dienstes in Übereinstimmung und mit Wissen der Athleten und Trainer, worüber in Prozessunterlagen aus Vernehmungsprotokollen und internen Aufzeichnungen von Mitarbeitern der Staatssicherheit oder inoffizielle Mitarbeiter (IM) berichtet wurde, wobei viele rein subjektive Meinungen niedergeschrieben wurden, mehr als Nachweis eigener Aktivitäten, die nicht als Beweise gewertet werden können, dass es tatsächlich so geschehen ist. Im Nachhinein kann man nur die Äußerungen der Athleten über sich selbst als Aussage heranziehen, denn sie entschieden schließlich, welche Mittel sie in bestimmten Situationen der Belastung oder Wiederherstellung tatsächlich einnahmen. Außerdem muss auch berücksichtigt werden, dass Athleten mit langjährigem Leistungsaufbau und eigenem, großem Erfahrungsschatz im Training sich auch gegenüber unterstützenden Mitteln jeglicher Art anders verhielten als jüngere Athleten. Weil das so war und ist und ein sehr differenziertes Bild auf den Einzelnen bezogen ergibt, sind auch globale Urteile mehr als fragwürdig und juristisch konstruiert, einfach unglaubwürdig und falsch für eine Verurteilung. Als in dem sogenannten Dynamo-Prozess gegen Trainer und Sportärzte 1998 Schwimmerinnen zur speziellen Untersuchung veranlasst wurden, im Gutachten der Professoren Lübbers/Rietbrok letztlich keine strafwürdigen Körperverletzungen festgestellt werden konnten, kam das Kammergericht in Berlin im Falle von drei Schwimmerinnen, die zuvor die Untersuchungen abgelehnt hatten, zu dem juristisch anfechtbaren und nur politisch zu begründendem Konstrukt, eine Untersuchung sei nicht erforderlich, da eine Einnahme von Dopingmitteln als Körperverletzung zu werten und daher strafbar sei. So wurde ohne Nachweis von Körperverletzungen, aber mit der Behauptung dazu nach der Zählung von Aussagen verurteilt, eine juristische Praxis, die sehr an die Fortsetzung des kalten Krieges erinnert.
Die Gleichsetzung oder Bezeichnung bestimmter pharmakologischer Mittel, die zu irgendeinem Zeitpunkt auf die Dopinglisten gesetzt wurden (die anabolen Steroide z.B. erst nach 1976) als unterstützende Mittel ist genauso konstruiert wie halbwahr, denn darunter wurde ein ganzer Komplex von notwendigen Maßnahmen und Mitteln der Trainings- und Belastungsunterstützung wie der Wiederherstellung nach hohen Anstrengungen verstanden.
Natürlich erfolgte das alles im Rahmen der verstärkt durchgeführten sportmedizinischen Gesundheitskontrollen, denn oberstes Gebot war und blieb selbstverständlich, dass nur gesunde und leistungsstarke Athleten körperlich-geistige Grenzbelastung zu meistern vermögen. Das heute als „zynisch“ oder „Betrug“ abzutun (S. 42) ist nicht mehr als eine pseudogerechte Selbstgefälligkeit. Nirgendwo wurde sie übrigens im internationalen Sport so geteilt, weil der politische Charakter der Strafverfolgung klar war. /15
Nur wenn die Dopingpraktiken im internationalen Sport gleichberechtigt in der Zeitfolge der bekannt gewordenen Verbreitung zugrunde gelegt werden und die tatsächliche Situation in den führenden Sportländern dieser Jahre dazu und schließlich die sportpolitischen Konstellationen beachtet werden, die politische Aufwertung des Leistungssports im Länder- und Systemvergleich kann man zu einer objektiven Analyse gelangen und auch eine den Maßstäben entsprechend gerechte historische Bewertung erreichen.
Man kann auch darüber fabulieren, klagen oder simulieren ob der Leistungssport der vergangenen Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts ohne Doping sich interessanter oder wenig spektakulärer entwickelt oder vollzogen hätte. In jedem Falle hätte aber der DDR-Sport dabei mit seinem pädagogisch ausgeprägtem, effektiven Förder-,Trainings –und Wettkampfsystem auf wissenschaftlicher Grundlage ebenso einen vorderen Platz im Weltsport eingenommen.
Der DDR-Sport wird als beispielgebende Kraft der Geschichte weiterwirken
Im Schlusskapitel versucht sich Klaus Weise als Gralshüter von Freiheit und Demokratie, indem er die seit 1990 überkommenen Sprechblasen für den DDR-Untergang zur Charakteristik der Rückwende heranzieht. Was die DDR nicht alles war: Überwachungsstaat mit Bevormundung, Gleichschaltung, Kontrolle, Verfolgung... ein Glück, dass er überlebt hat und davon gekommen ist. Offensichtlich war es in seinen Redaktionsstuben im Rundfunk und im „sportecho“ überwindig und sicher.
In einer Zeit, in der sich die herrschenden Kräfte des kapitalistischen Monopol- und Bankkapitals nach ihrem Sieg über die sozialistische Staatengemeinschaft sowjetischer Prägung über die Ideen des Sozialismus immer wieder neu fürchten und alles tun, ihn zu verleumden und zu bekämpfen als ob er noch staatstragend mächtig wäre spielt sich Klaus Weise wie ein Lordsigelbewahrer des durch Kapitalinteressen durch und durch vernetzten Sports auf. Man könnte meinen, er verkünde das Glück, das die BRD kein Überwachungsstaat sei, (die Fußball-WM ist aber ein offensichtlich willkommenes Übungsfeld), der Spitzensport den sogenannten reinen Sport verkörpere und der Breitensport überquillt vor „Spaß an der Freude“.
Er tut so als ob die rücksichtslose Vermarktung (Gehälter, Korruption, Wettskandale) und andere defizitäre Erscheinungen wie die andauernde Finanznot in kleineren Gemeinschaften, auch in den Wettbewerbssystemen und andere Defizite im Nachwuchsleistungssport durch eine neue Struktur als Deutscher Olympischer Sport-Bund (DOSB) beseitigt werden können. So wie es jetzt aussieht, wird sich im Kern nichts ändern, außer einer Zentralisierung der Leitungsprozesse und Formen ihrer Konzentration auf einen hauptamtlichen Apparat. Weder Veränderungen des Schulsports, der Beziehungen zwischen Schul- und Vereinssport, der Fördersysteme sind bei der schon jetzt von Manfred v. Richthofen hochgelobten „produktiven Revolution“ erkennbar, aus der er sich selbst wie auch andere aus den Verantwortungsebenen verabschieden wird. (S. 47)
Weil man seit 1989/90 in den Anschlussvorgängen Fairnessgesetze des Sports verletzte, vordergründig nur verurteilte, nichts aus der Geschichte zu lernen verstand, muss man jetzt Reformversuche starten.
Eine „Revolution“ gar oder eine „historische Chance“ wird sich als Irreführung erweisen, wenn nicht das ganze Wertesystem des Sports in der Gesellschaft der Bundesrepublik sowohl programmatisch und praktisch erneuert wird. Danach aber sieht es nicht aus. Die „historische Chance“ ist seit 1990 vertan worden, dafür stehen Kohl, Kinkel und Schäuble mit von Richthofen, Tröger u.a. in der Schuld der Sportgeschichte.
Da nun „die Sportmedaillen“ und hier wird Kanther als ehemaliger Bundesinnenminister zitiert – es könnten auch Zimmermann und selbstverständlich Schäuble sowie alle Bundespräsidenten sein – „ein nationales Anliegen“ sind (durch die Olympischen Winterspiele in Turin gerade durch Rund – um – die Uhr-Fernsehen bewiesen), bleibt wohl der DDR-Sport ein Studien- und Forschungsobjekt für Wissenschaftler und Studenten, die ohne sportpolitischen Einfluss sind. Leider hat man fast 16 Jahre versäumt, es aufrichtig, anständig und fair zu tun.
Nun tröstet man sich wie hier mit der salomonischen und interpretierbaren schon zur Volksweisheit mutierten Standardformulierung... „es war nicht alles schlecht, manches sogar besser“. /16
Wie gesagt, mit diesem Heft von Weise wurde dazu kein neuer Anfang gemacht, eher ist die Rückwende mit Verurteilungsklischees bedient worden. Schade.
X X X
Der DDR-Sport lebt – sonst würde man seine Geschichte nicht immer wieder zu entwerten versuchen. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte nach dem Anschluss ist die Medaillensprache der Athleten aus der Leistungssportschule der DDR von olympischen und anderen Siegerpodesten des internationalen Sports immer noch ein besserer Beweis für die Leistungsfähigkeit dieses Systems als die Verurteilungstiraden und die wiederkehrenden Stasi- und Doping-Hysterie aus Redaktionsstuben deutscher Rachsucht. Sogar die Ergebnisse der Olympischen Winterspiele von Turin sprechen noch für sich. Wenn es auch manchen nicht gefällt, denn sie werden wie bekannt und geübt die Stasi- und Dopingkeule weiter schwingen, die Geschichte hat längst ihr Urteil gesprochen und es kann durch Verteidiger eines Profisystems des Sports nicht aufgehoben werden.
Anmerkungen
1) wie Grit Hartmann, Manfred Seifert, Hans-Joachim Teichler u.a.
2) Volker Kluge: Das Sportbuch DDR, Eulenspiegel-Verlag Berlin 2004
3) Klaus Weise: Sport und Sportpolitik, in: Clemens Burrichter/Detlef Nakath, Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.): Deutsche Zeitgeschichte von 1945-2000. Gesellschaft-Staat-Politik. Ein Handbuch. Berlin 2006
4) Vgl. hier die Übersicht von Siegfried Geilsdorf: Die Wahrheit über Sport II, in: Beiträge zur Sportgeschichte, Heft 15/2002 S. 32 ff
5) Irene Köhler: Sportgeschichte. Der Weg zu olympischen Medaillen, Sportverlag Berlin 1981
6) Günther Wonneberger, Helmut Westphal, Gerhard Oehmigen, Joachim Fiebelkorn, Hans Simon, Lothar Skorning: Geschichte des DDR-Sports, Spotless-Verlag Berlin 2002
7) Andreas Herbst: Deutscher-Turn-und Sportbund der DDR (DTSB) in: Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch, Dietz-Verlag Berlin 2002 S.637 ff.
8) Manfred Seifert: Ruhm und Elend des DDR-Sports, Bock & Kübler, Woltersdorf 1990
9) Ingeburg Wonneberger: Breitensport – Studie zum Breitensport/Massensport in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der Deutschen Demokratischen Republik (1945-1960) S. 397 ff und Edelfried Buggel: Der Volkssport (Breitensport) und die Volkssportforschung in der DDR von 1960/61 bis 1965/66, S465 ff in: Wolfgang Buss/Christian Becker (Hrg): Der Sport in der SBZ und früheren DDR, Verlag Carl Hofmann Schorndorf 2001-
10) Siehe dazu entsprechende Artikel in „Beiträge zur Sportgeschichte“ des Spotless-Verlages Berlin sowie Kluge, a.a.O. und Horst Röder im Web unter: www sport-ddr-röder.de
11) Die Literatur über Doping und Anti-Doping ist bekanntlich sehr umfangreich. In den hier zitierten Arbeiten finden sich weitere Angaben. Siehe dazu: Berendonk, Brigitte: Doping Dokumente, Von der Forschung zum Betrug, Springer-Verlag Berlin 1991-Klaus Huhn: Doping, Doping und kein Ende, Woltersdorf 1991-Klaus Huhn: Die unendliche Doping-Story, Spotless-Verlag Berlin 1997 – Martin Krauß: DopingRotbuch-Verlag Hamburg 2000 Vgl. dazu auch die interessante Meinungsäußerung/Stellungsnahme zum Doping-Problem von Stanley Ernest Strauzenberg und Hans Gürtler in: Die Sportmedizin der DDR, Ein Zeitzeugenbericht... Saxonia-Verlag...Dresden 2005 S. 226-234
12) Die Versuche und mitgeteilten Ergebnisse von Manfred Steinbach 1967/68 sowie die Dopingpraktiken in der Bundesrepublik sind ausführlich beschrieben in: Margot Budzisch, Klaus Huhn, Heinz Wuschech: Doping in der BRD, Sport und Gesellschaft, Spotless-Verlag Berlin 1999
13) Zit. Nach Berendonk, Brigitte, a.a.O. S. 21 siehe auch Budzisch u.a., a.a.O.
14) M. Budzisch u.a., a.a.O.
15) Siehe hierzu Günter Erbach: sportpolitische Strafverfolgung gegen den DDR-Leistungssport, in: Sonderdruck der Arbeitsgruppe Sport, GRH Berlin Mai 2004 (Manuskriptdruck)
16) Zit. Bei Volker Kluge, a.a.O. Klappentext des Eulenspiegel-Verlages
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